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Buchtipp aus dem Lesekreis

1. März 2018

Natascha Wodin, „Sie kam aus Mariupol“
(Preis der Leipziger Buchmesse 2017)

Eingebettet in die Erzählung der Spurensuche rekonstruiert Natascha Wodin aus Erinnerungen, Internet-Informationen und Fotos das Schicksal ihrer Familie.

Im Sommer 2013 gibt sie zum wiederholten Male den Namen ihre Mutter in eine russische Suchmaschine ein. Sie traut ihren Augen nicht, als auf dem Bildschirm die Meldung erscheint:
Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko, geboren 1920 in Mariupol.
Mit Hilfe des Betreibers des Forums „Azov‘s Greeks“ entdeckt sie nun die ersten spärlichen Hinweise.

Als die Autorin 10 Jahre alt ist, nimmt sich ihre Mutter das Leben.
Die kurze Beziehung zwischen Natascha und ihrer Mutter ist geprägt durch Kälte und Hass. Natascha wächst als ungeliebtes Kind im Nachkriegsdeutschland auf. Der Vater verlässt die Familie früh, die Mutter ist psychisch labil. Über die Vergangenheit wird in der Familie nicht gesprochen. Natascha legt sich Geschichten ihrer Herkunft zurecht, die nur vagen Gefühlen entsprungen sind. Und trotzdem erweisen sich diese Geschichten als Zugang zu der Vergangenheit.
So findet sie heraus, dass die Vorfahren der Mutter aus einer adligen Familie mit italienischen und baltischen Wurzeln stammen. Die Mutter selbst hat noch eine Schwester namens Lidia und einen Bruder namens Sergej. Die Familie leidet unter den Wirren der Oktoberrevolution und unter der deutschen Besatzungsmacht.
Anhand von Tagebuchaufzeichnungen ihrer Tante Lidia rekonstruiert Natascha, dass ihre Mutter im Jahr 1943 heiratet. Die Eltern fliehen über Odessa nach Rumänien. Von dort werden sie als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschickt. Nach dem Ende des Krieges bleiben sie aus Angst vor Stalins Terror in Deutschland.
Hier führen sie nach dem Krieg das Leben von unerwünschten Flüchtlingen in ständiger Not.
„Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe.“ Dieser Satz begleitet Natascha durch die Kindheit. Im Jahr 1965 nimmt sich die Mutter das Leben.

Das Buch liest sich eher als dokumentarischer Tatsachenbericht, denn als literarische Geschichte.
Gut recherchiert wird so das Schicksal der als „Ostarbeiter“ deportierten Zwangsarbeiter zum Höhepunkt des Buches. Ein bis heute nicht genug beachtetes Thema unserer Geschichte.

Die Suche nach der Familie scheint aber unvollkommen. Viele vage Beschreibungen und Deutungen sind hier zu finden. Ungelöst bleibt das Rätsel, warum die Schriftstellerin sich nicht selbst auf den Weg ins ukrainische Mariupol gemacht hat.
Die Sprache ist eher konservativ – das Buch insgesamt keine leichte Lektüre.

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From → Buchtipps

3 Kommentare
  1. Ingwer permalink

    Habe die Geschichte als Hörbuch gehört, war sehr spannend!
    Verwirrend fand ich die Anzahl der Familienmitglieder… bis ich bei einer Bloggerin einen erhellenden Stammbaum fand.

  2. Ingwer permalink

    Hier mein schmaler Eintrag 😮 zum Hörbuch mit dem Link zum Blog mit dem Familienstammbaum.

    https://margitta.wordpress.com/2017/11/05/spannende-familiensuche/

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