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In der Nähe der Gnesin-Akademie, Teil 1

1. Februar 2018

Über die Gnesin-Musik-Akademie unweit der Residenz des deutschen Botschafters berichteten wir in der letzten Ausgabe der MKI. Einen Konzertbesuch dort könnte man mit einem kleinen Bummel durch die anliegenden Gassen verbinden, in denen sich durchaus sehenswerte Gebäude befinden.

Werstowskij-Villa
In der Chlebny-Gasse 28 lebte und arbeitete der russische Komponist und Theaterschaffende
A.N. Werstowskij.
Die Villa wurde 1815 im klassizistischen Stil errichtet, mit einem niedrigen Portikus mit Säulen. Werstowskij erwarb sie 1860 als seinen Alterssitz. Er kam 1823 nach Moskau, um 35 Jahre im The-aterkontor zu arbeiten. Er bestimmte das Repertoire der Theater und kümmerte sich um organisatorische Fragen, stand somit quasi an der Spitze der Truppe der Bolschoi und Malyi Theater. Werstowskij beschäftigte sich nicht nur mit Verwaltungsaufgaben, er war auch kreativ. Er ist der Autor von sechs Opern, russischen Romanzen, Balladen und Tischliedern.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden am Haus große Umbaumaßnahmen durchgeführt. Und zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wurde anstelle des Portikus ein Erker mit großen Fenstern gebaut. Darüber war das Wappen des neuen Besitzers angebracht. Auch der Zaun stammt aus dieser Zeit. Von 1935 bis 1941 befand sich in der Villa die Residenz des deutschen Militärattaché Generalmajor Ernst Kersting. Seit 1944 beherbergt sie die Botschaft Islands. 2013 wurde das Haus restauriert; man bemühte sich, den Holzkern zu erhalten und auch innen wurden der ursprüngliche Grundriss sowie Teile der Ausstattung wie ein Kamin im Arbeitszimmer oder Decken, Fußböden, Säulen, Türen und Fenster wiederhergestellt.

Bulgakov-Haus
Im Revolutionsjahr 1917 wurde dieses Haus errichtet, in dem der Schriftsteller Michail Bulgakov einige Jahre in der Wohnung Nr. 2 lebte. Die Fassade ist in zartem Grün gehalten, verziert mit Stuck und einem kleinen Balkon in der zweiten Etage.
Gegenwärtig residiert hier die Ständige Vertretung des Gebiets Nowosibirsk.

Stadtvilla von M.A.Tarasow
Die interessante neoklassische Villa in der Chlebny Gasse 21 zählt zu Moskaus Architekturdenkmälern. Sie wurde 1909 für den Kaufmann Tarasow errichtet. Tarasow entstammt einer armenischen Familie, die im Süden Russlands einen großen Textilhandel aufzog. Nach Moskau reisten die drei Brüder im Waggon dritter Klasse, und bereits nach wenigen Jahren rückten sie zu Kaufleuten Erster Gilde auf. Sie gründeten die Nord-Kaukasus-Bank und bauten die Eisenbahnstrecke Armawir-Tuapse.
Das zweigeschossige Gebäude mit Keller und Dachgeschoss ist geschmückt mit vielen Details – Vasen in Nischen, Girlanden, Masken, Stuckreliefs am klassizistischen Stil unter dem Dach. Die Fassade wurde im damals vorherrschenden Jugendstil gestaltet – zu finden sind unter anderem der Vogel Greif, der die Macht über Himmel und Erde symbolisiert, Hammelköpfe als Symbol des Aufblühens, Schwäne, Adler … Das zentrale Fenster in der Chlebny Gasse wird flankiert von halben bärtigen Figuren, ihre Bärte verwandeln sich in Blätter des Akanthus.
Nach der Revolution zog das Kommissariat „für polnische Fragen“ ein, danach ein Kinderheim und schließlich die belgische Vertretung.
Jetzt konnte das Gebäude renoviert und in der ersten und zweiten Etage die Paradezimmer sowie die Wohneinheiten wiederhergestellt werden.

Haus von S.U. Solowjow
Das berühmte „Bestien-Haus“ in der Maly Rshewskij Gasse 6 war möglicherweise das Vorbild für das Domizil des Meisters und seiner Margarita im gleichnamigen Roman Michail Bulgakows.
Solowjow war Architekt und als solcher verwirklichte er in seiner Villa, die 1901/02 gebaut wurde, sein Credo. Er war kein Verfechter des Jugendstils und baute auch keine weiteren Villen, sondern öffentliche Gebäude und Institute im klassizistischen oder pseudorussischen Stil. Zu den berühmtesten seiner Bauwerke zählen das Handwerksmuseum in der Leontjewgasse, das Hauptgebäude der Moskauer Pädagogischen Universität in der ul. Malaja Pirogowskaja und die Gebäude der Russischen Wirtschaftsakademie in der Nähe des Paweletzker Bahnhofes.
Das Haus bestimmt die Ecke der Malyj Rhewskij und Chlebny Gassen. Seine Komposition und Fassadengestaltung scheint dem belgischen Art Nouveau entlehnt. Der asymmetrische Aufbau wird von einem Spitzdach gekrönt. Das Dachgesims ist weit auskragend und wird durch geschmiedete figürliche Kragsteine gestützt. Auf runden Majolikaeinsätzen unter dem Dachgesims wird auf das Baujahr hingewiesen. An der Fassade findet sich viel Symbolträchtiges und Allegorisches. Neben dem Eingang steht der König der Tiere – das traditionelle Symbol der Kraft, des ununterbrochenen Kampfes, des Sonnenlichts und Sieges. Der Briefkasten ist einer Fledermaus, Symbol des Geheimnisvollen, nachempfunden – sie soll das Geheimnis der Post des Hausherren wahren. Am Fuß der schlanken Säulen verstecken sich Eulen, Symbol der Weisheit und des ewigen Lebens. Über dem großen Fenster werden die Musen von vier Künsten dargestellt – Bildhauerei, Malerei, Architektur und Musik. Jedes Fenster hat seine eigene Form. Unter dem Wohnzimmerfenster wurde ein Teppich aus grünen Kacheln angebracht, wahrscheinlich nach einer Vorgabe von Michail Wrubel.
Solowjow lebte in diesem Haus bis 1912. Nach der Revolution war die Villa Heimstatt für verschiedene Botschaften und diplomatische Vertretungen, bis 2008 war hier die georgische Botschaft. Jetzt gehört die Villa der Sektion georgischer Interessen der Schweizer Botschaft in Moskau.

Villa von I.I. Nekrasov
Die Villa gegenüber, Chlebny Gasse 20/3, erinnert an eine kleine Festung. Roman Klein baute sie 1906 für Iwan Nekrasov in der Tradition der englischen Neogotik, denn der Unternehmer eröffnete zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts Vertretungen seiner sibirischen Werke in Moskau und benötigte Wohnraum. Die zwei Eckfassaden kommen in einem eckigen Erker zusammen – ein Vorbote der späteren Eckbalkone des Konstruktivismus. Die dünnen runden Säulen zwischen den Erkerfenstern unterstreichen die Richtung nach oben. Auch die beiden Fassaden unterstützen dies, in den spitzen Dachgiebeln befinden sich Mansarden mit schmalen, länglichen Fenstern, die wie Schießscharten anmuten. Bis in die heutige Zeit überdauerte ein Aufzug, mit dem das Essen aus der Küche nach oben ins Esszimmer transportiert werden konnte. Nach der Revolution befand sich dort viele Jahre die Resi-denz des spanischen Botschafters, jetzt ist dort die Botschaft Chiles.

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From → Architektur

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