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Die Leibeigenentheater der russischen Adligen

1. Februar 2018

Das Leben der russischen Adligen bestand zum großen Teil aus Etikette, Regeln und steifen Zeremo-nien, die alle einzuhalten waren. Emotionen in der Gesellschaft war fehl am Platz. Aber auf der Bühne konnte alles gezeigt werden – Leidenschaft, Trauer und sogar Grausamkeit. Außerdem – den Damen und Herren der höheren Gesellschaft war es oft ziemlich langweilig und das Theater war eine Möglich-keit, etwas Abwechslung und Erheiterung in den grauen Alltag zu bringen.
Die Stücke wurden meistens in adligen Häusern hinter verschlossenen Türen aufgeführt, auf die Premieren bereiteten sich die Familienmitglieder oder auch Nachbarn und Freunde sorgsam vor. Manch einer der Akteure bewies echtes Talent, doch sie hatten keine Möglichkeit als Schauspieler in einem richtigen Theater auf der Bühne zu stehen. Das gehörte in Adelskreisen nicht zum guten Ton. Oft traten in den Häusern reicher Adliger auch Bauern oder Bedienstete auf.

Den größten Teil des Repertoires machten Stücke aus, die dem klassischen französischen Theater entlehnt wurden. Ende des 18. Jahrhunderts wurden auf der Bühne des Provinztheaters des Grafen Alexander Woronzow, einer der aufgeklärtesten Menschen seiner Zeit, russische Stücke gezeigt. Die Werke Alexander Sumarokovs, Denis Fonwisins oder Peter Plawilschtschikows beschäftigten sich mit dem russischen Menschen. Später spielte man Nikolaj Gogol, Alexander Puschkin und Michail Lermontow. Die neue Autorengeneration konzentrierte sich auf die Darstellung der Geschichte und des alltäglichen Lebens in Russland. Allerdings achteten die Gutsbesitzer darauf, dass nicht allzu freizügige und von fortschrittlichem Gedankengut durchdrungene Werke zur Aufführung kamen. Kritik an der Leibeigenschaft oder an den Beamten war Tabu im Leibeigenentheater. „Verstand schafft Leiden“ von Alexander Gribojedow, Stücke von Iwan Krylow oder Alexander Ostrowskij gab es nur in schriftlicher Form.
Die theaterbegeisterten Gutsbesitzer schickten die Kinder ihrer Diener, Hofarbeiter und Stallburschen mitunter ins Internat, damit sie dort eine gute Erziehung und Ausbildung bekamen. Die besten und begabtesten unter ihnen bekamen eine Ausbildung zum Schauspieler, andere nähten Kostüme, arbeiteten als Maskenbildner, Musiker oder Choreografen oder sie kehrten als Dienstpersonal ins Haus des Gutsbesitzers zurück. Doch in der Mehrzahl traten Bauern auf, die zwar des Lesens und Schreibens nicht mächtig waren, aber sich für die Schauspielkunst begeisterten.

Zu einer Schauspieltruppe gehörten bis zu fünfzig, sechzig Mitglieder. In Abhängigkeit von ihrer Leistung und Bedeutung erhielten sie jährlich Belobigungen – Geld oder Bekleidung. Trotzdem waren diese Schauspieler rechtlos wie alle anderen Leibeigenen. Zu jeder Zeit konnte der Gutsbesitzer, oft Tyrannen, den leibeigenen Künstlern schwere Arbeit auftragen, sie für das kleinste Vergehen schwer bestrafen oder verkaufen.
Erstklassige Schauspieler waren ein wertvolles Handelsgut. Sogar die Direktion der Hoftheater zeigte sich interessiert. 1800 erwarb Alexander I. die Truppe und das Orchester von Peter Stolypin für 32 000 Rubel, damals sehr viel Geld.

Nach 1812 fanden gefangene französische Soldaten Verwendung in den Leibeigenentheatern.
Die Theater dienten nicht nur der Zerstreuung, sondern sie waren auch ein Statussymbol, zeigten den Reichtum und die Aufgeklärtheit des Adligen. Ein Theater zu führen war genauso prestigeträchtig wie der Besitz eines Zoos oder einer Orangerie mit exotischen Pflanzen.

Anfangs gab es Theater nur in der Hauptstadt, später auch in anderen Gegenden des Russischen Rei-ches. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts existierten in Moskau nur zwei höfische Theater, das Bolschoi und das Maly, allerdings gab es mehr als zwanzig große Truppen aus leibeigenen Schauspielern.
Eins der berühmtesten war das Theater von Graf Scheremetjew in Kuskowo, das sogar von Katharina II. besucht wurde. Später zog das Theater nach Ostankino um. Hier glänzte die leibeigene Schauspielerin Praskowja Shemtschugowa, die spätere Frau des Grafen Nikolaj Scheremetjews. Die Ehe war in der damaligen Zeit ein Skandal und nur ein Graf Scheremetjew, einer der reichsten und einflussreichsten Adligen, konnte sich das erlauben.
Auch heute noch kann dieses Theater besichtigt werden, allerdings ist das vollkommen in Holzbauweise errichtete Schloss Ostankino seit mehreren Jahren schon wegen Renovierung geschossen. Und wer nicht weiß, dass es aus Holz gebaut wurde, würde es nicht vermuten.
Andere Theater betrieben beispielsweise der Fürst Nikolaj Jusupow, der General Stepan Apraksin, die Gräfin Darja Saltykowa.
Mitte des 19. Jahrhunderts begannen die Leibeigenentheater mit den hauptstädtischen zu konkurrieren. Die Gutsbesitzer bauten eigene Häuser für ihre Theater und ließen sich die Einrichtung ein Vermögen kosten.
Nachdem Alexander II. das Manifest über die Aufhebung der Leibeigenschaft unterzeichnet hatte, lösten sich auch die Theater auf, in denen Leibeigene auftraten. Sie hatten nun das Recht eigene Truppen zu gründen und auf Gastspielreise zu gehen.

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From → Bräuche

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