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Die Porzellanfabrik in Werbilki

1. Januar 2018

Auf einer Exkursion, die mich nach Werbilki, 90 km nördlich von Moskau, führte, lernte ich die dortige Porzellanfabrik kennen.
Der Engländer Franz Gardner gründete sie 1754, seine Wahl fiel auf das Dorf, weil es schön weit weg von Moskau inmitten verschlafener Wälder und am Zusammenfluss zweier Flüsschen lag. Gardner war lange auf der Suche nach gutem Ton, schließlich fand er ihn in der Nähe von Tschernigow. Nun konnte er endlich sein Ziel verwirklichen, das russische Imperium mit eigenem Porzellan zu versorgen. Der Legende nach hat Katharina die Große ihrem Liebhaber Potjomkin befohlen, sie mit einem Geburts-tagsmahl zu überraschen, das selbst die Grenzen von „1000 und einer Nacht“ sprengen sollte. Das Essen wurde von einem Dessert beendet – Katharina bekam eine Porzellantasse, die mit Brillanten gefüllt war. Sie war begeistert vom Glanz des Goldes und dem festlichen Porzellan, das Potjomkin im Gardner-Werk geordert hatte. Für die Zarin stellte Gardner daraufhin noch vier prächtige Services her, jedes bestand aus einigen hundert bis zu 1 500 Teilen.
Die ersten Meister, die in der Fabrik arbeiteten, kamen aus Meißen, sie lernten auch die russischen Fachleute an. Einer davon war Johann Müller, der damals im Imperatorskij Porzellanwerk in der Nähe von Petersburg tätig war. Gardner schaffte es tatsächlich, Porzellan zu einer russischen Massenware werden zu lassen. Viele konnten sich das teure importierte Porzellan aus Europa natürlich nicht leisten und freuten sich am preiswerten vaterländischen Geschirr. Die Produktion musste erweitert werden. 1771 arbeiteten dort siebzig Leute, zehn Jahre später hatte sich Anzahl bereits verdoppelt. 1785 erlaubte der Moskauer Bürgermeister dem Porzellanmagnaten das Stadtwappen und 1855 der Zar das russische Staatswappen auf den Stücken abzubilden. 1856 wurde die Manufaktur zum Hoflieferanten ernannt.
Nach dem Tod von Gardner wurde die Fabrik innerhalb der Familie weitergegeben, mit wechselndem Erfolg. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebte die Produktion wieder auf. Trotz der Gründung ande-rer privater Manufakturen nahm das Gardner-Werk immer noch eine führende Position ein. Das Aus-hängeschild der Fabrik waren Services, die mit den Wappen der aristokratischen Familien, Adelskronen, Monogrammen verziert waren.
Neuen Schwung erhielt die Fabrik 1892, als sie von Matwej Kusnezow übernommen und erfolgreich in seine Porzellangenossenschaft eingegliedert wurde. Um keine Kunden zu verlieren, kennzeichnete Kusnezow bis 1917 das Geschirr mit Gardners Markenzeichen.
In Sowjetzeiten liebten In- und Ausländer Teller und Tassen aus Werbilki. Auf der Weltausstellung 1937 erhielten die Meister eine Goldmedaille, ebenso 1958 in Brüssel. Inzwischen liefert die Fabrik Geschirr auch in den Kreml.
Auch heute noch stellt die Fabrik eine Produktlinie her, die Franz Gardner ins Leben gerufen hatte und bewahrt die zweihundertjährigen Traditionen. Die Rohstoffe Ton und Kaolin kommen aus der Ukraine, der Sand aus Ramenki und der Feldspat von der Halbinsel Kola.
Interessant war es, dem Produktionsprozess zuzuschauen. In den alten Werkhallen war es nicht sehr gemütlich und die Arbeitsbedingungen lassen etwas zu wünschen übrig. Und doch kommen am Ende sehr schöne Stücke aus dem Ofen.
Im Foyer des Werkes befindet sich ein Geschäft, in dem man das Porzellan auch erwerben kann.

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From → Umgebung Moskaus

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