Zum Inhalt springen

Weihnachten in Russland

1. Dezember 2017

Den Beginn des Neuen Jahres zu feiern geht in Russland auf die Wende zum 18. Jahrhundert zurück. Damals entschied Peter I. zu einer neuen Zeitrechnung überzugehen. Von da an wurde Neujahr nicht mehr am 1. September, sondern am 1. Januar gefeiert.

Weihnachten war auch in Russland lange Zeit ein wichtiges Familienfest, das auch in Zeiten des Krieges, der Revolution und der Repressionen nichts von seiner Bedeutung eingebüßt hat.

Die ersten Weihnachtsbäume wurden in den Häusern begüterter Deutscher in Sankt Petersburg aufgestellt, danach am Zarenhof und erst gegen Ende des Jahrhunderts hielten sie Einzug in den Wohnungen der einfachen Menschen. Die russisch-orthodoxe Kirche verbot damals Weihnachtsfeiern an Schulen und Gymnasien, sie hielt es für einen westlichen Brauch.
So kam es, dass zwar in den Werken Puschkins oder Lermontovs über Weihnachten berichtet wurde, aber nicht von einem geschmückten Baum. Erst in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts kam der Tannenbaum flächendeckend in Mode. Wann er erstmals in einem russischen Haus aufgestellt wurde, ist allerdings nicht genau belegt. Der erste „öffentliche“ Weihnachtsbaum war 1852 im Gebäude des Moskauer Bahnhofs in Sankt Petersburg zu sehen.
Die russische Kinderschriftstellerin A. M. Daragan gab 1846 eine Art Lehrbuch heraus – eine Anleitung, wie man seinen Kindern zu Hause die Traditionen, die mit dem Christbaum verbunden waren, beibringen sollte.
Eine große Rolle für den Boom des Weihnachtsbaums spielte die Nachahmung des Westens. Die Russen begeisterten sich für westeuropäische Philosophie und Literatur und natürlich für alles Neumodische. Hoch im Kurs standen z. Bsp. die Erzählungen E. T. A. Hoffmanns „Nussknacker und Mausekönig“ sowie „Meister Floh“.
Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der Bäume spielte der Kommerz. Berühmte Petersburger Konditoreien entdeckten eine Marktlücke und verkauften bereits Ende der dreißiger Jahre fertig mit Pfefferkuchen, Süßigkeiten, Lämpchen und Konfekt dekortierte Bäume. Die bekanntesten Konditoren stammten aus den Schweizer Alpen. Ihre Bäumchen waren sehr teuer und nur reiche Petersburger konnten sich diesen Luxus leisten.
Doch erst Ende der vierziger Jahre begann der Handel mit frischen Tannenbäumen, die Bauern aus den umliegenden Wäldern in die Hauptstadt brachten. Nicht selten wurde der Baum aufwändig und reich geschmückt.
War der Baum anfangs noch als „Weihnachtsbaum“, also roschdestvenskoje derevo, bekannt, etablierte sich recht bald die Bezeichnung jolka, abgeleitet von ель, die Fichte.

Unter der Sowjetmacht wurde Weihnachten nicht sofort verboten. In den ersten Jahren nach der Revolution wurden trotz Zerstörung und Hunger wurden Weihnachtsbäume verkauft. Manche feierten Weihnachten und andere unterstützten die Geburt einer neuen, sowjetischen Tradition – sie begingen Neujahr. Michail Bulgakov beschreibt in „Die Weiße Garde“ Weihnachten unter den Bedingungen des Bürgerkrieges.
Um die Sowjetbürger von den kirchlichen Traditionen abzulenken und ihnen Ersatz zu verschaffen, wurden Komsomol-Weihnachtsveranstaltungen organisiert – eine Art Karneval ohne Gott, mit antireligiösen Liedern und Scheiterhaufen, auf den die Götter verbrannt und um die herum getanzt wurde. Doch diese Straßenbelustigungen wurden bald wieder verboten und es gab nur noch Propaganda in den Dorfclubs.
Die Bedeutung des Tannenbaums wandelte sich, erst war er etwas, „was sich die Deutschen ausgedacht hatten“, dann „ein bourgeoises Überbleibsel“ und Ende der zwanziger Jahre schließlich ein „schädliches Relikt“. Die Weihnachtsbasare wurden geschlossen.
Der Brauch, einen Weihnachtsbaum aufzustellen, den die Kirche selbst einstmals verteufelt hatte, wurde nunmehr für einen religiösen gehalten und wurde ebenfalls unterbunden. Doch so manche Familie war den vorrevolutionären Bräuchen treu und stellte heimlich einen Baum auf. Endgültig verboten wurde Weihnachten 1929.
Für die Emigranten verwandelte sich der Weihnachtsbaum, ungeachtet dessen, dass es diese Tradition noch nicht so lange gab, in ein Symbol für ihre verlorene Heimat. Sie lebten ihre Traditionen auch in der Fremde.
Mitte der dreißiger Jahre überdachte Stalin die Feiertage – der Tannenbaum wurde sowjetisch und aus der Weihnachtsfeier wurde die Feier zum Neuen Jahr, für Kinder erstmals im Säulensaal im Haus der Gewerkschaften in Moskau 1937 ausgerichtet.
Der Legende nach war Stalins Tochter zur Weihnachtsfeier des Diplomatischen Corps am 24.12. eingeladen und kam voller Begeisterung über den dort stehenden Weihnachtsbaum zurück. Binnen weniger Tage bis zum 31.12. wurde der ehemals verteufelte geschmückte Baum wieder rehabilitiert und in einer Kraftaktion dafür gesorgt, dass in jeder Siedlung das „Fichtenfest“ öffentlich begangen werden konnte.
Sogar die Insassen der Stainschen Arbeitslager hielten an der Tradition fest und verbanden mit ihr die Hoffnung auf eine Zukunft.
Im Großen Vaterländischen Krieg mussten die festlichen Traditionen für Propagandazwecke herhalten.
In den fünfziger Jahren war die Tanne wieder die Königin, nun nicht mehr des Weihnachtsfestes, sondern der Neujahrsfeier, geschmückt auf der Spitze mit einem roten Stern, anstelle der Engel hingen nun Panzer, Raketen und Flieger, später Kugeln und Sterne an den Ästen. Man gewöhnte sich daran, am 1. Januar zu feiern, an die Stelle von Jesus Christus trat Großväterchen Frost, der 1937 Schneeflöckchen als Helferin bekam. Seit 1954 wird das größte Jolkafest für Kinder im Kreml gefeiert. In einer Neujahrsansprache wandte sich erstmals Leonid Breschnew an sein Volk. Und auf den Festtagstischen dürfen Salat Olivier, Hering unterm Pelzmantel, Champagner und Mandarinen bis heute nicht fehlen.
Auch in der russischen Kunst und Literatur war Weihnachten ein Thema.
Als Begründer des Genres der Weihnachtsgeschichten gelten Charles Dickens mit „Eine Weihnachtsgeschichte“ und Hans Christian Andersen mit „Der standhafte Zinnsoldat“ oder „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“.
In einigen Romanen und Erzählungen russischer Schriftsteller spielt die zumeist dramatische Liebe an Weihnachten eine große Rolle, beispielsweise in Anton Tschechows „Anna am Halse“, Iwan Bunins „Der Ball“ oder in Boris Pasternaks „Doktor Schiwagon“ und Lew Tolstois „Krieg und Frieden“.
Folkloristische Traditionen und Weihnachtsbräuche beschreibt Nikolaj Gogol, einer der ersten russischen Autoren, die das Thema Weihnachten einem literarischen Werk zugrundelegten, in „Die Nacht vor Weihnachten“.
Zu den Künstlern, die sich mit dem Weihnachtsthema auf ihren Leinwänden auseinandersetzten, gehören beispielsweise Aleksander Moravov mit „Der Tannenbaum“,  Sinaida Serebrjakova mit „Katja im blauen Kleid unterm Tannenbaum“ und Boris Kustodiew mit „Weihnachtsbasar“.

Advertisements

From → Bräuche

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: