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Alte Stoffe

1. Dezember 2017

Im Neuerlöser Kloster in der Nähe der Metro Proletarskaya versteckt sich in einem alten Gebäude eine originelle Werkstatt, in der Stoffe aus alten Palästen und Gebäuden wie Peterhof, Gatschina, dem Kreml, dem Bolschoi Theater und vielen anderen wiederhergestellt werden. Das sind solche Stoffe wie Brokat, ein schwerer mit Metallgespinsten durchsetzter Seidenstoff, Brokatelle, ein dem Damast ähnliches Gewebe oder Brochet, ein Gewebe mit Punktmusterungen. In den Schränken lagern noch wahre Schätze!

Die Manufaktur wurde 1947 gegründet, um den Palast der Sowjets, der dann nicht gebaut wurde, mit Stoffen auszustatten. Ihr Vorläufer war die Fabrik der Gebrüder Saposchnikov, wo an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert die weltbesten Brokat- und Atlasstoffe hergestellt wurden. Hier arbeiten heute 16 Angestellte – die meisten seit über dreißig Jahren und alle voller Begeisterung für ihre Stoffe.
Der Rekonstruktionsprozess ist von Beginn an meist sehr schwierig – manchmal dient ein kleines Stück des alten Stoffes als Vorlage für eine Rekonstruktion, manchmal gibt es nur Fotos oder sogar nur eine Beschreibung des Stoffes. Eine Künstlerin beschäftigt sich damit, mithilfe einer Lupe oder Mikroskops die Struktur des Stoffes zu erkennen, seine Dichte, Dicke und wie die Fäden miteinander verwoben wurden, herauszufinden, wie und mit welchen Farben der Stoff gefärbt wurde.
Auf der Basis der gewonnenen Erkenntnisse wird eine „technische Zeichnung“ erstellt. Viele kleine Quadrate müssen akribisch gezählt und mit Farbe ausgefüllt werden. Manche Stoffe bestehen aus bis zu 36 Farben oder es gibt fünf Schattierungen von Lila – alles muss genau so gefärbt werden wie vor 100 oder 200 Jahren. Im Farblabor sieht es aus wie in einer Alchimistenküche. Hier werden die Farben hergestellt, Gelb z. Bsp. aus Kamille, Brauntöne werden aus Zwiebelschale oder Eichenrinde gewonnen, Grün aus der Schale des Granatapfels. Vor dem Färben wird die Rohseide, die aus China importiert wird, gewaschen und getrocknet. Die gefärbte Seide wird auf Spulen gewickelt, die Fäden sind unterschiedlich dick, für die Kettfäden, die längs verlaufen auf dem Webstuhl wird etwas dickeres Garn verwendet als für die querverlaufenden Schussfäden. Doch vor dem eigentlichen Weben muss der Webstuhl „programmiert“ werden. Auch das passiert in mühevoller Handarbeit nach einer Technologie, die der französische Weber Joseph-Marie Jacquard erfunden hat. Mittels großer Kartonplatten, in die Löcher eingestanzt wurden, ähnlich also der Lochstreifen in der Anfangszeit der elektronischen Datenverarbeitung, konnten endlose Muster von beliebiger Komplexität hergestellt werden. In der Manufaktur stehen solche historischen Webstühle, die einstmals Jacquard erfunden hatte. Der einzige Unterschied – sie sind mit einem Elektromotor ausgerüstet.
Die Weberinnen müssen sich mit den Vorlagen auseinandersetzen. Anfangs sehen sie noch auf die Karten, aber irgendwann werden sie eins mit ihrem Stoff.
Sie sehen nur die Rückseite der Stoffe, wie ein Negativ eines Fotos. Die rechte Seite wird in einem Spiegel abgebildet, der sich unter der Weberei befindet.
Alle am Herstellungsprozess beteiligten Meister müssen sehr ruhig und konzentriert arbeiten, denn beim kleinsten Fehler muss alles wiederholt werden. Manche Stoffe haben ein solch kompliziertes Muster, dass an einem Tag nur wenige Zentimeter geschafft werden. So wurden beispielsweise die Seidentapeten für das Anwesen der Familie Demidow in der Gorochovsky Gasse gewebt – 11 Zentimeter in 24 Stunden!

Wer die prächtigen Stoffe mit eigenen Augen sieht und sie berühren darf, wird von ihrer Qualität, den zauberhaften Mustern und Farben begeistert sein.

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From → Landeskunde

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