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Die Geschichte des Balletts „Schwanensee“

1. November 2017

Lebt man in Moskau, gehört sich das Ballett „Schwanensee“ anzusehen, wohl unbedingt in das kulturelle Repertoire.

In diesem Jahr feiert das Ballett seinen 140. Geburtstag. 1877 wurde es im Bolschoi Theater erstmals aufgeführt. Man geht davon aus, dass Tschaikowskij von seinem Besuch des Schlosses Neuschwanstein Königs Ludwig II. in Bayern inspiriert wurde. Bis heute gehört ein gotisches Schloss in den Bergen zur klassischen Aufführung des Balletts.

1871 verfasste Tschaikowski ein Kinderballett in einem Akt unter dem Titel „Der See der Schwäne“. Der Anlass für die unsterbliche Partitur „Schwanensee“ war ein Auftrag der Moskauer Theaterdirektion. Für den Komponisten waren Auftragswerke keine Seltenheit, er war froh, zu Geld zu kommen. Die Grundlage der Ballettmusik bildete die von ihm  verworfene Oper „Undina“. Tschaikowskis Musik revolutionierte die Ballettgeschichte – er schrieb eine Musik, nach der man absolut gut tanzen konnte, allerdings waren es trotzdem keine einfachen oder langweiligen Stücke, sondern lyrische Themen,

Das erste Libretto mit deutschem Kolorit wies eine etwas ironische Note auf, Tschaikowski machte sich sogar ein bisschen lustig über das Genre Ballett. Das Sujet war folgendes: Prinz Siegfried feierte seine Volljährigkeit. Sein Freund entdeckte die vorüberziehenden Schwäne und forderte ihn zur Jagd auf. Siegfried findet sich im tiefen Wald an einem See wieder. Im Mondlicht werfen die verzauberten Schwäne ihre Flügel ab, Siegfried verliebt sich in Odette. Auf einem Ball im Schloss tanzen viele junge Mädchen für den Prinzen, aber der hat nur Odette im Kopf und will sich keine Braut aussuchen. Plötzlich erscheint der „böse Geist“ von Rotbart mit seiner Tochter Odilia. Sie verwandelt sich in Odette und bezirzt den Prinzen, der gibt ihr ein Treueversprechen und verrät damit Odette. Die Bühne verdunkelt sich, der Schrei einer Eule erklingt, Rotbart entledigt sich seiner Kleidung und steht als Dämon da, Odilia lacht böse. Mit einem Krachen öffnet sich das Fenster und es erscheint ein weißer Schwan mit einer Krone auf dem Kopf. Der Prinz versteht mit einem Male und stürzt aus dem Schloss. Der Helden sterben in den Fluten des Sees.

Die Uraufführung 1877 erhielt eine schlechte Presse und fiel praktisch durch.

Eine Wiedergeburt erfuhr das Ballett 1895 in Sankt Petersburg. Man erinnerte sich an die Partitur des bereits verstorbenen Tschaikowski, sein Bruder arbeitete das Libretto um, die Eule verschwand, aus dem von Rotbart wurde ein Vogel. Diesmal studierten talentierte Ballettmeister das Stück ein und brachten die berühmten Schwanenszenen, sinfonische Bilder des Kampfes mit dem Schicksal in Gestalt wunderbarer Tänzerinnen auf die Bühne. Der Choreograf entwarf Kostüme, die den heutigen ähnelten, die Flügel mit den aufgeklebten Federn verschwanden, an ihre Stelle trat der „Tanz der Hände“. Erstmals tanzten Odette und Siegfried ein Duett und wurde der „Tanz der kleinen Schwäne“ aufgeführt. Der Konflikt zwischen Unerfahrenheit und Heimtücke sowie dem Glauben an die Treue ging im Ballett in bisher nie dagewesene psychologische Tiefen. Das Stück wurde ein Erfolg und diese Petersburger Version bildete die Grundlage für alle nachfolgenden Bearbeitungen.

Die Erfinderin der Armhaltung der Schwäne war die ehemalige Tänzerin des Zarenballetts, Agrippina Waganowa, nach 1917 arbeitete sie als Tanzpädagogin. In Moskau wurde die Originalversion vom Choreografen Wladimir Burmeister entwickelt, die man auch heute noch auf der Bühne des Musiktheaters Nemirowitsch-Dantschenko sehen kann. Unangetastet blieb der sogenannte „weiße“ Akt von Lew Iwanow mit den verzauberten Schwänen auf dem See. Alles andere wurde überarbeitet, sogar das Ende war ein glückliches.

Juri Grigorjewitsch verwendete Fragmente verschiedener seiner Vorgänger, allerdings forderte man in der Sowjetzeit von ihm ein Happy End. Erst viele Jahre später konnte er seinen eigentlichen Gedanken, das Zwillingsmotiv, umsetzen – der böse Genius wurde zum zweiten Ich des guten Helden. In Paris versorgte Rudolf Nurejew dem Prinzen mehr Gelegenheit zum Tanzen, indem er die Aufmerksamkeit auf ihn lenkte und nicht auf die Ballerinen.

Ende des zwanzigsten Jahrhunderts erschienen auf den Bühnen der Welt diverse Versionen von „Schwanensee“, die rein gar nichts mehr weder mit klassischem Tanz noch mit den Traditionen einer Ballettaufführung zu tun hatten.

Auf der Suche nach neuen Ideen wandten sich viele vom ursprünglichen Inhalt ab. John Neumeier vom Hamburger Ballett beispielsweise kürte den Bayernkönig Ludwig II. zum Helden.

Radu Poklitaru vom Kiewer Ballett verwendet zwar den traditionellen Inhalt, aber seine Ballerinen tanzen ohne Spitzenschuhe und der Schwan wird als Opfer eines wissenschaftlichen Experiments zu einem Jungen mit Namen Siegfried.

In den letzten Jahren ist man bestrebt, zum eigentlichen Ballett zurückzukehren, nicht nur, was den Versuch, vergessene oder verlorengegangene Episoden zu rekonstruieren, angeht, sondern man kümmerte sich auch um die Bühnenbilder, Musik, Kostüme und sogar die Masken.

„Schwanensee“ lebt weiter und wird immer wieder vom Publikum gewünscht. Alle wollen sich von Tschaikowskis Musik verzaubern lassen und der humanistischen Idee huldigen: Die Liebe ist stärker als der Tod!

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From → Landeskunde

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