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Würstchen, Konserven und Moskauer Eis

1. Juli 2017

Ein Wendepunkt für die Geschichte der sowjetischen Küche wurde 1936 die dreimonatige Tour des damaligen Landwirtschaftsministers Anastas Mikojan, die er, ausgerüstet mit viel Geld und Entscheidungsbefugnis, durch die USA absolvierte.

Von dieser Reise brachte er beispielsweise die Technologie der Konservenherstellung, Kühlausrüstungen, eine Technologie zur Herstellung von Halbfertigprodukten, Brot, Eis und sogar Sekt mit.

Natürlich schleckten die Sowjetbürger auch schon eher Eis, doch der Produktionsumfang war gering, es gab keine einheitlichen Rezepte und die Qualität unterlag keiner Kontrolle. Mikojan brachte Maschinen für eine Massenproduktion mit und 1941 wurde einer der strengsten Vorschriften der Welt verabschiedet – die GOST 117-41, in der die Normen der Eisherstellung festgeschrieben wurden.

Der Sekt, das Symbol für Wohlstand und Feste, wurde der Sowjetbevölkerung nicht vorenthalten. Doch das prickelnde Getränk, hergestellt nach französischem Vorbild, konnte sich nicht jeder leisten. Nach Mikojans Rückkehr konnte der Sekt preiswerter produziert werden und zwar nach amerikanisch-italienischer Technologie. Besonderer Nachfrage erfreuten sich die süßen und halbtrockenen Sorten, während Brut meist in den Export ging.

Auch Würstchen gab es schon zu Zarenzeiten zu kaufen. Doch das „sowjetische“ Würstchen stammt aus den dreißiger Jahren. Im „Buch der schmackhaften und gesunden Küche“, dem wichtigsten Kochbuch in der UdSSR, merkte Mikojan an: Ich berichtete dem Genossen Stalin von meiner Idee, mehr Würstchen auf den Markt zu bringen. Er war einverstanden und sagte dabei, dass die Würstchenfabrikanten in den USA reich geworden seien, vor allem durch den Verkauf heißer Würstchen in Stadien und an anderen Orten, wo viele Menschen zusammen kamen. Und so begann die Massenproduktion von Würstchen, für die überall geworben wurde.

Die Moskauer „Hamburger“ konnten sich in den Dreißigern nicht durchsetzen, obwohl Mikojan von den Buletten in Brötchen fasziniert war. Produktionsanlagen führte er aus den USA zwar ein und ein sowjetisches Rezept wurde erarbeitet, allerdings verhinderte letztendlich der Krieg die Umsetzung. Und nach dem Krieg hatte alles Amerikanische keinen guten Ruf mehr. Auf die sowjetischen Buletten musste man trotzdem nicht verzichten – sie wurden eingefroren und als Halbfertigprodukt verkauft.

Mikojan ließ auch Maschinen für die Herstellung von Konserven importieren. So wurde den Arbeitern in den Städten Tomaten im eigenen Saft, Salzgurken, Fisch und natürlich gezuckerte Kondensmilch zugänglich gemacht. Damit die Hausfrau beim Kochen auch fleißig darauf zurückgriff, basierten viele Rezepte im obengenannten Kochbuch auf der Verwendung von Konserven.

Gleichzeitig wurde das Kantinenessen weiter entwickelt. Der Bildungsminister Anatolij Lunatscharski stellte fest, dass es weitaus preiswerter sei, in Großküchen zu kochen, als dass jede Frau zu Hause in ihrer kleinen Küche das Essen vorbereitet. Und tatsächlich war in vielen Wohnungsgrundrissen eine Küche gar nicht vorgesehen.

Für den Menschen, der an einer lichten Zukunft baut, musste es ein neues System der Verpflegung geben. Gesundes Essen in den Kantinen wies eine genau berechnete Menge an Eiweiß, Kohlehydraten und Fett auf. Die sowjetischen Ernährungswissenschaftler betonten, dass Geschmack etwas für die Bürgerlichen sei – die sowjetischen Gerichte sind weder gesalzen noch scharf, auch nicht sehr fetthaltig, nicht gebraten, sondern nur gekocht oder gedünstet. Alle bekamen Kartoffelpüree und Buletten … Mikojan, der in Armenien aufgewachsen war, konnte damit nur schwer leben. Und wenn es doch etwas Schmackhaftes in die sowjetische Küche geschafft hat, dann war das sein Verdienst.

 

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