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Beerdigungen

1. Juli 2017

Vor der Revolution wurden Begräbnisse durch die russisch-orthodoxe Kirche bzw. durch andere Konfessionen geregelt. Deshalb wurde man auf dem Friedhof genau an der Stelle beerdigt, die zum Glauben, aber auch zum sozialen Status passte. Einäscherung war verboten, sie entsprach nicht den Regeln der orthodoxen Kirche. Sie fand nur aus medizinisch-sanitären Gründen statt.
Das einzige Krematorium vor 1917 befand sich in der Nähe von Kronstadt. Dort wurden auch die bei Versuchen in Laboratorien verstorbenen Tiere verbrannt. Auch jetzt noch lehnen viele Gläubige die Verbrennung ab, sie hoffen auf die Wiederauferstehung, für die noch Knochenreste vorhanden sein sollten.

Die Oktoberrevolution gab das Signal zum Kampf gegen Gott und Religion. Die Feuerbestattung fand immer größere Verbreitung – sie wurde als hygienischer angesehen und die Urnenwände würden auch weniger Platz in Anspruch nehmen. Viele Sowjetbürger glaubten damals, dass es innerhalb von zehn Jahren nur noch Einäscherungen geben würde.

In der Sowjetzeit verwandelten sich die Beerdigungen im Zuge der antireligiösen Propaganda in ein staatliches Ritual und die Friedhöfe waren keine religiös geprägten Orte mehr. Beerdigt wurde nun, ohne auf Nationalität und Glauben zu schauen.

Ein neues sowjetisches Ritual mit staatlichen Gedenkfeiern und roten Bezügen für die Särge entwickelte sich. Über die Gräber wurden schmale Pyramiden aus Metall mit dem Sowjetstern gesetzt. Ein paar religiöse Traditionen blieben allerdings erhalten, beispielsweise die Angewohnheit, nach der Beerdigung einen Leichenschmaus zu organisieren sowie den neunten und vierzigsten Tag nach dem Tod zu begehen.

Sicher hat der eine oder andere schon einen Friedhof in Moskau besucht und fragt sich vielleicht, wie hier nunmehr die Beerdigungen geregelt sind.
Vor einiger Zeit wurde auf der WDNCh eine Ausstellung durchgeführt, die dem Begräbnis gewidmet war. Eigentlich ist das eher eine Show gewesen. Gezeigt wurde Mode für die Witwe – wie sollte sie sich zur Beerdigung kleiden. Ein Wettbewerb ermittelte den schönsten Kranz aus frischen Pflanzen und Blumen. Ein Seminar vermittelte Techniken der Herstellung von Totenmasken. Neue Serviceleistungen wurden präsentiert. So schickt das Krematorium in Nowosibirsk einen Teil der Asche in den Kosmos.
Ein Unternehmen stellte das Angebot „Sarg zur Miete“ vor – für die Zeremonie kann ein luxuriöser Sarg gemietet werden, verbrannt oder beerdigt wird dann aber ein einfacher. Scheint allerdings nicht ganz den Gesetzen zu entsprechen.

Das Bestattungsgeschäft ist seit 1996 gesetzlich geregelt, allerdings entsprechen die Regeln inzwischen nicht mehr den heutigen Bedingungen. Große Veränderungen gab es 2002, als die russische Regierung die Lizensierung der Bestattungsunternehmen abschaffte. Alles liegt nun in den Händen der Kommunen und mehr oder weniger unkontrolliert können nun sowohl natürliche als auch juristische Personen ein Spektrum an notwendigen und nicht notwendigen Dienstleistungen anbieten. Grauzonen lassen auch illegalen Agenten, die keine Steuern abführen, aber sehr korrupt sind, große Spielräume. Neunzig Prozent der russischen Friedhöfe besitzen kein Register, rein juristisch existieren sie gar nicht, faktisch ist also nicht bekannt, wo mehrere Millionen Russen begraben sind.

Nach 1996 nahm die Moskauer Stadtregierung Kurs auf eine Zentralisierung des Bestattungswesens, die staatliche Einrichtung „Ritual“ mit dem Status eines Dienstleistungsunternehmens wurde geschaffen. „Ritual“ bietet seinen Service auf allen Moskauer Friedhöfen an, es gibt ein Register und alle Beerdigungen werden dort aufgenommen. Doch der Schein trügt. „Ritual“ hat das Monopol, es gibt keinen gesunden Wettbewerb, jeder muss mit dem Staatsbetrieb zusammenarbeiten. „Ritual“ diktiert den Bestattungsunternehmen die Preise. Und trotzdem verdienen die Agenten in Moskau mehr als alle anderen.


Der erste, der bezahlt werden muss, ist der Agent, unabhängig davon, ob dieser legal oder illegal arbeitet. Nach dem Ableben entweder zu Hause oder im Krankenhaus wird der Leichnam in ein Leichen-schauhaus überführt. Und schon bei der Leichenschau beginnt der Kampf um die Organisation der Beerdigung. Auf einen Verstorbenen kommen in Moskau durchschnittlich acht Dienstleister. Um die ersten zu sein, müssen die Agenten ein Netz an Zuträgern aufbauen, die ihnen berichten, wo jemand verstorben ist. Meist sind das Ärzte, Krankenschwestern oder Polizisten. Diese bekommen in Moskau im Durchschnitt 20 000 Rubel für eine Todesnachricht, in den Regionen sind es zwischen
5 000 und 8 000 Rubel. Ein Informant versorgt mehrere Agenten und so kommt es, dass die Familie nach dem Tod eines Verwandten nicht nur Beileidsbekundungen erhält, sondern auch zahlreiche Anrufe dieser Agenten, die die Kosten für die wertvolle Information natürlich auf die Beerdigungskosten umlegen werden.

Der Preis für eine Beerdigung kann, in Abhängigkeit von den gebuchten Dienstleistungen, bis ins Astronomische wachsen. Die hartnäckigen Agenten drücken auf die Tränendrüsen und spielen mit den Emotionen der Familien besonders dann, wenn der Tod plötzlich kam und keine Zeit zur Vorbereitung war. Die Verhandlungen zu Preis und Dienstleistungen können also sehr unschön sein. Der Stressfaktor in solchen Situationen wird bereits im Leichenschauhaus ausgenutzt. Dort werden einige notwendige und kostenlose Handlungen am Toten vorgenommen – er wird gewaschen, angezogen, in den Sarg gelegt und den Trauernden übergeben. In der Praxis werden auch viele kostenpflichtige, jedoch nicht unbedingt erforderliche Leistungen angeboten – Rasieren, Schminken, Balsamieren, Kühlen.
Jemandem, der unvorbereitet mit einem Trauerfall zu tun hat, fällt es sicher schwer etwas abzulehnen und das Sinnvolle auszuwählen und viele Agenten nutzen diese Situation schamlos aus, um das Maxi-male herauszupressen. So lässt man im Durchschnitt schon 25 000 Rubel, meist für eigentlich kostenlose Leistungen, im Leichenschauhaus.
Einen Vertrag über die Beerdigung bereits zu Lebzeiten abzuschließen ist in Russland nicht üblich und kommt deshalb sehr selten vor.

In Moskau sterben jährlich circa 100 000 Menschen. 15 bis 20 Hektar werden ungefähr für neue Gräber benötigt. Etwa hälftig werden Feuer- oder Erdbestattung ausgewählt. Der Endpreis hängt stark davon ab, ob bereits eine Grabstelle vorhanden ist. Der Kauf eines Familiengrabes, das 5 m² groß ist, kostet mindestens um die 200 000 Rubel, eine einzelne Grabstelle ist wesentlich preiswerter, doch der Preis hängt ebenso vom Friedhof ab. Ein Standardgrab auf dem Friedhof Chovanskoye beginnt bei 120 000 Rubeln, auf den alten Moskauer Friedhöfen wie dem Wagankowskoye oder Wwedenskoye, wo nur selten Beerdigungen stattfinden, können neue Gräber schnell mehrere Millionen Rubel kosten.
Viele Formalitäten müssen erledigt werden, um den Verstorbenen unter die Erde zu bringen – die Verwandtschaft mit dem Toten muss bewiesen werden, man benötigt eine Erlaubnis des Friedhofs, einen Antrag mit der Bitte, dass der Verstorbene im Familiengrab beerdigt werden darf, Dokumente über frühere Bestattungen im Grab usw. usw.
Das Grab an einer neuen Stelle auszuheben kostet im Sommer 9 070 und im Winter 10 880 Rubel. Ein Grab in einem Familiengrab anzulegen ist etwas teurer, da man dort einiges beachten muss – schließlich befinden sich dort bereits Särge. Wird das Grab mit Zweigen geschmückt, wächst der Preis um das Zweifache, auch das Bereitstellen einer muslimischen Grabstelle ist sehr kostenintensiv.

„Ritual“ stellt den Moskauern gern Pakete zur Verfügung, das billigste Arrangement beläuft sich auf 28 115 Rubel – zu den Leistungen zählen die Bearbeitung der Dokumente, das Ausheben und Schließen des Grabes sowie die Errichtung eines Grabhügels, die Überführung des Leichnams über den Friedhof bis zum Grab, das Anbringen der Kränze, ein Raum für die Verabschiedung vom Toten wird zur Verfügung gestellt. Das mit 79 680 Rubeln teuerste Paket beinhaltet außerdem das Auskleiden des Sarges mit Stoff und Tannenzweigen, der Weg der Trauergesellschaft über den Friedhof wird besonders dekoriert, für die Verabschiedungszeremonie wird ein Zelt aufgebaut, der Sarg wird mit technischer Hilfe hinabgelassen. Und wenn die Sargträger im ersten Paket den Sarg 50 Meter tragen, dann darf der Weg für die Kosten des zweiten Pakets ruhig 200 Meter betragen.
Traditionell wird zunächst ein Holzkreuz auf das Grab gestellt, das erst nach einem Jahr der Trauerzeit durch einen Grabstein ersetzt wird.

Die Kosten für den Sarg und den Grabstein oder ein Kreuz können sehr differieren. Ein sogenannter „sozialer“ Sarg kostet nur 690 Rubel. Für einen Sarg mit Griffen muss man mehr als 10 000 Rubel hinlegen, für ein Holz- oder einfaches Metallkreuz ohne Tafel mit dem Namen 2 – 4 000 Rubel. Einen kleinen künstlichen Kranz bekommt man schon für 300 bis 500 Rubel, einen großen für um die 3 000. Ein Kranz aus echten Zweigen kostet so viel wie eine einfache Beerdigung, ab 15 000 Rubel. Der Transport des Sarges vom Leichenschauhaus zum Friedhof wird extra berechnet. Der durchschnittliche Mietpreis eines Autos beläuft sich auf ungefähr 2 000 Rubel pro Stunde.

Urnenbegräbnisse müssen angemeldet werden. Nach der Einäscherung wird die Asche in eine Urne verbracht. Ein Mitarbeiter des Friedhofs stellt die Urne an ihren Platz in der Urnenwand und verschließt sie mit einer Marmorplatte. Früher war es nicht üblich, darauf eine Fotografie des Verstorbenen anzubringen, sondern eher Geburts- und Todesdatum sowie möglicherweise Fakten über eventuelle Verdienste auf der Arbeit oder „im Kampf“.
Ende des 19. Jahrhunderts erarbeitete der deutsche Ingenieur Friedrich Siemens einen Ofen für die Einäscherung. Das erste Krematorium dieser Art wurde in Mailand errichtet, in der UdSSR baute man das erste in Moskau in den zwanziger Jahren.

In Moskau gibt es drei Krematorien – Mitinskij, Nikolo-Archangelskij und Chovanskij. Auch für die Feuerbestattungen ist das städtische Unternehmen „Ritual“ zuständig. Die Einäscherung, also nur das Verbrennen des Körpers, eines Erwachsenen kostet 3 400 Rubel. Für die Möglichkeit, sich zwanzig Minuten vom Verstorbenen im Krematorium zu verabschieden, muss man zusätzlich 900 Rubel bezahlen. Musik, die während des Überführens des Sarges in den Ofen gespielt wird, kostet 300 Rubel. Livemusik kostet 570 Rubel.
Die Einäscherung ist die billigste Form der Bestattung. Auch Moskaus Stadtregierung wirbt dafür, denn es gibt immer weniger freien Grund und Boden. Um zusätzliche Gelder einzustreichen, wird das Gerücht ausgestreut, man müsse für eine Einäscherung anstehen. Um der Panik zu entgehen und den Prozess zu beschleunigen, wird gezahlt. Oder man fordert Geld, um den Leichnam bis zur Verbrennung in einem passablen Zustand zu erhalten. Um die Urne auf dem Friedhof beizusetzen muss man wieder in die Tasche greifen – 2 000 Rubel für ein Urnenbegräbnis im Familiengrab, 650 für die Beisetzung in der Urnenwand. Dabei kostet eine Nische in der Urnenwand im weit entfernten Nikolo-Archangelskoye Friedhof 180 Rubel, aber auf dem Wagankowskoye Friedhof zwischen 45 000 und 90 000 Rubeln.
Für die Pflege der Urne in einer offenen Urnenwand muss man 250 Rubel jährlich bezahlen, in einer geschlossenen kostet die Pflege 500 Rubel. Auf alten Friedhöfen besteht die Möglichkeit, die Urne für nur 1 200 Rubel in eine frei gewordene Nische zu stellen. Diese Nischen werden vermietet –
Grabstellen dagegen dürfen in Russland nicht zum wiederholten Male verwendet werden.
Offenbar existiert keine vorgeschriebene Regel, was nach der Verbrennung mit der Asche passiert, im Gegensatz zur Erdbestattung, nach der eine Bescheinigung über das Ableben ausgestellt wird, werden Urnen meist nicht registriert. Auch dafür müsste man bezahlen, also vergräbt man die Asche lieber im eigenen Garten. In Moskau sind allerdings solche Fälle aufgrund der Tätigkeit von „Ritual“ sehr selten geworden.


Es besteht auch die Möglichkeit auf Staatskosten beerdigt zu werden, das Staatsbudget sieht 16 000 Rubel dafür vor, bestattet wird allerdings meist in den schlechtesten Gräbern, ohne Verabschiedung, Schmuck, Kreuz, nur der Körper wird quasi „entsorgt“, ohne einen Grabstein zu setzen und ohne das Grab zu pflegen. Faktisch gibt es solche Bestattungen recht wenig, denn sie sind für die Agenten nicht einträglich genug. Somit werden in der Regel Arme, nicht Identifizierte, alleinstehende Invaliden oder alte Menschen beigesetzt, bei denen keine Möglichkeit besteht, Verwandten noch Geld aus der Tasche zu ziehen.

Einen eigenen Posten machen der Leichenschmaus und die Totenmesse aus. Auch das kann „Ritual“ organisieren, der Preis ist abhängig von Ort, Anzahl der Gäste und dem Essen. Die einfachste Art der Totenmesse mit nur einem Priester dauert eine halbe Stunde. Ein extra Gottesdienst für den Verstorbe-en zieht sich wesentlich länger – für die orthodoxen Gläubigen ist das Lesen des Buches der Psalmen in den Tagen vor der Beerdigung Pflicht, dafür wird ein Priester extra bezahlt.
Experten sind einhellig der Meinung, dass für ein Begräbnis in Moskau mindestens 50 000 Rubel aus-gegeben werden, doch in diesem Preis sind nur wenige Leistungen enthalten. Sollte man keine Grabstelle benötigen, beläuft sich der Standardpreis auf 100 000 Rubel.

Zusammengefasst lassen sich folgende Kosten aufzeigen:

Standardbegräbnisse
50 bis 70 000 Rubel, inbegriffen sind Sarg mit Stoff ausgeschlagen, Sargwäsche, Kopfkissen, Decke, Bus für den Transport des Sargs und 14 Personen

Premium-Begräbnis
Holzsarg, poliert, zwei Kränze, Holzkreuz auf dem Grab, Mercedes-Bus, vier Träger, Zusammentragen sämtlicher Dokumente, Begräbnisfeier
Von 120 000 bis 200 000 Rubel

VIP-Begräbnis
Wie im amerikanischen Film – schwarzer Cadillac, Luxus-Bus, Kränze aus echten Blumen, Träger, Schnelle Medizinische Hilfe, weiße Handschuhe, Rabatt auf den Grabstein
700 000 bis 25 000 000 Rubel

Achtzig Prozent der Russen sparen für ihre Beerdigung, und in der Regel scheuen sie sich davor, die Agenten nach den Preisen für bestimmte einzelne Leistungen zu befragen, die Frage lautet eher, wie viel die Beerdigung kosten wird. Die Antwort des Agenten lautet: „Und wie viel sind Sie bereit auszugeben?“

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From → Landeskunde

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