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Residenzen der Patriarchen und Metropoliten in Moskau

1. Juni 2017

Der Patriarch ist das Kirchenoberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche – wo aber wohnten die Patriarchen und wo kann man den jetzigen Patriarchen Kyrill I. treffen?
Mit der Christianisierung Russlands 988 war die Kirche dem Patriarchen von Konstantinopel unterstellt und wurde zunächst durch Exarchen und später durch Metropoliten in Kiew geführt. Nach dem Mongoleneinfall wurde der Sitz nach Wladimir und dann nach Moskau verlegt.
Noch vor der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 und der Konsolidierung der Moskauer – und Abschüttlung der Tatarenherrschaft wurde bereits 1448 der Metropolit (noch von Kiew und ganz Russland) ohne Einverständnis von Konstantinopel bestellt. Aber erst mit den gewaltigen Expansionsergebnissen eines Iwan dem Schrecklichen einerseits und der Besetzung aller anderen orthodoxen Länder durch das osmanische Imperium wurde die Aufforderung des Mönchs Filofe an den Vater von Iwan IV., Wassili III. aktuell: Moskau sollte das dritte Rom werden.
Boris Godunov erzwang dann nach Iwans Tod 1589 die Zustimmung (durch Festsetzung des Konstantinopeler Patriarchen) zu einem Russischen Patriarchat und der geistig zurückgebliebener Zar Fjodor I: „genehmigte“ dann die Inthronisation des ersten Patriarchen Jove.
Das Kalkül war sehr durchsichtig: Konzentration der (orthodoxen) kirchlichen Macht in Moskau und möglichst nachfolgend auch Festigung und Erweiterung des Imperiums.

Peter I. ersetzte 1721 in seiner Kirchenreform das Patriarchat nach deutsch-lutherischem Vorbild durch eine Heilige Synode und stellte diese unter staatliche Kontrolle. Erst mit der Revolution 1905 formulierten sich weitreichende innerkirchliche Reformbestrebungen und im November 1917 wurde erneut ein Patriarch (der Dramatik der Zeit entsprechend per Losentscheid) gewählt. Tichon wurde alsbald verhaftet, in die Ljubjanka gebracht, wieder freigelassen und (vermutlich) 1925 vergiftet. Erst 1943 konnte (durch Stalin toleriert) wieder ein Patriarch gewählt und in der Jelochowo-Kathedrale inthronisiert werden – seit die wieder erbaute Christi-Erlöser-Kathedrale wieder die Hauptkirche der Russischen Orthodoxie ist, finden mit Kyrill beginnend die feierlichen Zeremonien dort statt.

Wo befinden sich nun aber die Wohn- und Arbeitsorte der Moskauer Metropoliten und Patriarchen?
Die Arbeitsresidenz des Patriarchen versteckt sich in der Tschisty pereulok 5, einer kleinen Gasse an der ul. Pretschistenka.
Das Anwesen stammt aus dem 18. Jahrhundert, die heutige Fassade von 1878. Das Gebäude hatte helle Zimmer, eine Ofenheizung, Wasserleitung und sogar eine Kanalisation und wurde von einem kleinen Garten umgeben. 1918 ging das Anwesen in staatlichen Besitz über, 1922 wurde es vom Außenministerium übernommen und der deutsche Botschafter Graf Ulrich von Brockdorf-Ranzau zog dort ein. Er war maßgeblich an der Herstellung diplomatischer Beziehungen zwischen der UdSSR und Deutschland beteiligt. Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg, seit 1934 deutscher Botschafter in der Sowjetunion, überbrachte in der Nacht des 22. Juni 1941 die deutsche Kriegserklärung. Der Botschafter, Diplomaten und andere deutsche Staatsbürger wurden isoliert und später an der sowjetisch-türkischen Grenze gegen Sowjetbürger ausgetauscht.
Zwei Jahre stand das Haus leer. Im September 1943 trafen sich die Metropoliten Sergij, Alexij und Nikolai mit Stalin, die drei wollten sich im Neujungfrauenkloster niederlassen. Stalin schlug das Anwesen in der Tschisty pereulok vor. Am 5. September wurde es mit sämtlichem Inventar an das Moskauer Patriarchat übergeben. Eine Kirche wurde angebaut und 1957 mit einer Ikonenwand versehen. Der Patriarch wurde am 8. September gewählt und konnte bereits am 20. September dort erstmals ausländische Gäste empfangen – eine Delegation der anglikanischen Kirche.
Nach dem Tod des Patriarchen Sergij 1944 zog im Februar 1945 Alexij I. als sein Nachfolger mit seiner großen persönlichen Bibliothek ein.
1948 erfolgte der Umzug der Leitung des Moskauer Bistums in das Neujungfrauenkloster.
Pimen, der Nachfolger Alexijs I., lebte ständig in der Residenz in der Tschisty pereulok; nach Peredelkino, auf die „Datsche“ in Podmoskowie, fuhr er nur selten.
1988, im Jahr des 1000jährigen Bestehens des Christentums in Russland, wurde eine neue Residenz im Danilow-Kloster eröffnet. Pimen blieb jedoch in der Tschisty pereulok, wo er 1990 starb.
Alexij II., sein Nachfolger, ließ das Gebäude sanieren und lebte währenddessen in Peredelkino. Und auch nach Abschluss der Bauarbeiten verlegte er seinen Wohnsitz nicht dorthin, sondern nutzte die Räume in Moskau nur zum Arbeiten und für den Empfang von Gästen. Offiziell wurde nun das Anwesen als Arbeitsresidenz bezeichnet. Nach Alexijs Tod übernahm Kyrill die Arbeitsräume, große Delegationen empfängt er allerdings in den Patriarchengemächern in der Christi-Erlöser-Kirche.

Im Nordosten Moskaus auf einem Hügel, ul. Schtatnaya gorka 11, Metro Tscherkisowskaya, befindet sich eine sehr alte Elias-Kirche, eine Sommerresidenz der Moskauer Metropoliten. Sie wurde 1690 anstelle der Holzkirche, die seit Mitte des 14. Jahrhunderts dem Metropoliten Alexij als Landsitz diente, errichtet. Malerisch gelegen inmitten schöner Natur und trotzdem nicht weit entfernt von Moskau gefiel dem Metropoliten Alexij dieses Dorf und er erwarb es für sich und seine Kollegen. Von diesem Moment an stieg Tscherkisowo zu einer Domäne des Tschudow-Klosters auf, zu ihr gehörten große Ländereien. Hierher zogen sich die Metropoliten zurück und erholten sich.

Tscherkisowo gehörte den Moskauer Metropoliten bis 1764, danach wandelte sich der Status der Kirche zur Gemeindekirche. Der Zeltdach-Glockenturm wurde erst 1899 gebaut. Im 18. Jahrhundert wurde ein umfangreicher Gebäudekomplex errichtet, dominiert von einem kleinen Palast. Sein Erdgeschoss bestand aus Stein, die erste Etage aus Holz mit Galerien. Es gab Pavillons, einen Park, einen Teich, Scheunen, Pferdestall und weitere Wirtschaftsgebäude. Viele Metropoliten verbrachten ihre Sommer auf der Datsche in Tscherkisowo, die im 19. Jahrhundert umgebaut wurde. Mit der Wiedereinführung des Patriarchats und der Wahl Tichons zum Patriarchen 1917 wurde die Metropolitenresidenz in Tscherkisowo zeitweilig zur Residenz des russischen Patriarchen.
Leider ging man in der Sowjetzeit nicht mehr sehr behutsam mit dem Anwesen um und 1999 wurde das Wohnhaus endgültig durch ein Feuer zerstört. Der Patriarch Alexij II. verfügte zu Beginn der 2000er Jahre den Wiederaufbau der Residenz. Für die Zukunft ist geplant, dort Ausstellungen zu organisieren und die Bibliothek unterzubringen. Da die Kirche in der Sowjetzeit nicht geschlossen wurde, blieben das Inventar und die Ikonenwand aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erhalten.

Peredelkino ist die offizielle Sommerresidenz des russischen Patriarchen, einer seiner Lebensmittel-punkte und quasi die offizielle Datsche. Der Landsitz war 1952 ein Geschenk an das Moskauer Patriarchat anlässlich des 75. Geburtstages von Alexij I.
Peredelkino ist als Schriftstellerdorf zwar gut bekannt, doch in den letzten Jahren hat sich dort einiges verändert. Irgendwann früher standen dort das Anwesen Lukino und die Verklärungskirche, die im 17. Jahrhundert gebaut wurde. Auch der Park, der von den Bojaren Kolytschew angelegt wurde, geht auf das 16. Jahrhundert zurück. In den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden allerdings die Reste des Anwesens und des Parks der russisch-orthodoxen Kirche überschrieben. Nun befindet sich gleich am Haltepunkt der Elektritschka die Sommerresidenz des Patriarchen. Natürlich ist die Residenz an sich nicht zugänglich, doch die Kirche kann man besuchen.
Vor kurzem wurde eine weitere Kirche, die dem Fürsten Igor von Tschernigow und Kiew geweiht wurde, fertiggestellt. Die Idee dazu hatte der vorherige Patriarch Aleksij II, der Peredelkino sehr mochte und zwanzig Jahre seines Lebens dort wohnte. Die Kirche fasst 1 500 Menschen, sie teilt sich in eine Sommer- und eine Winterkirche. Ihre sehr bunten Kuppeln, die mit Porzellan bedeckt sind, erinnern entfernt an die Basiliuskathedrale auf dem Roten Platz.

Eine weitere offizielle Residenz des Patriarchen und des Kirchensynods ist das Danilow-Kloster in der Nähe der Metrostation Tulskaya. Das Kloster ist das älteste in Moskau. Bewacht wird es von einer Kosakeneinheit. Als letztes aller Klöster wurde es 1930 geschlossen, viele der Mönche wurden erschossen. Auf dem Territorium organisierten die Bolschewiki ein Lager für minderjährige Straftäter.
1988 wandte sich Patriarch Pimen an die Sowjetregierung mit der Bitte, der russisch-orthodoxen Kirche doch wenigstens ein Kloster zurückzugeben, um die Tausendjahrfeier anlässlich der Einführung des Christentums würdig begehen zu können. Leider befanden sich zu diesem Zeitpunkt alle ehemaligen Klöster in einem bedauernswerten Zustand und auch das Danilow-Kloster sah nach den Worten eines Bischofs aus wie nach einem Überfall der Mongolen. Doch 1988 war mit großer Unterstützung des Patriarchats, des Staates und vieler Gläubigen alles bereit für das große Jubiläum.

Etwas entfernt von den vielen schönen Kirchen und dem zentralen Platz ist die Patriarchenresidenz gelegen. Pimen war von diesem weißen Gebäude mit den großen Fenstern nicht begeistert, doch es bleib ihm damals nichts anderes übrig, als sich der Macht zu beugen. Kyrill dagegen gefällt es dort, sogar die Luft erscheint ihm geweiht und es sei ein besonderer, vom Glauben erfüllter Ort. Zwar hat Kyrill seine Residenz in der Tschisty pereulok, doch in die Residenz im Danilow-Kloster kommt er jeden Tag und empfängt Besucher. Im Erdgeschoss ist eine Empfangshalle, sind die Arbeitsräume des Synods, in der ersten Etage befinden sich die Allerheiligenkirche, der Thronsaal und die Privatgemächer des Patriarchen.

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From → Religion

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