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Der Moskauer Plattenbau

1. Juni 2017

In Moskau droht die zweite Abrisswelle der Fünfgeschosser, der sogenannten „Chruschtschowkas“. Achttausend Häuser sollen abgerissen und 1,6 Millionen Menschen umgesiedelt werden. Die Häuser, aus denen die Bewohner nicht ausziehen wollen, sollen stehenbleiben und einer kosmetischen Sanierung unterzogen werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fehlte es in der Sowjetunion überall an Wohnraum. Die städtische Bevölkerung drängte sich in den Kommunalwohnungen und in den fünfziger Jahren lebten darin ganze Fami-liengenerationen. Das Nachkriegsplakat illustriert, wie viel Platz in den Kommunalkas war – sehr wenig. Die allgemeinen Flure ließen einen Meter Platz zum Durchgehen, in allen Ecken standen Hausrat und andere Gegenstände der Bewohner. Jungverheiratete Paare hatten oft nicht einmal eine eigene Ecke im Zimmer, solch eine Situation wird im Musical „Moskwa-Tscherjomuschki“, die Musik dazu schrieb Dmitrij Schostakowitsch, aufgezeigt. Das Paar lebt noch getrennt, doch träumt es davon, bald eine Wohnung mit allem Komfort in einem neuen Haus zugeteilt zu bekommen.
Viele Menschen damals waren von der dekorativen und pompösen Stalinarchitektur begeistert und nun kam diese einfache Platte daher. Doch dekorativ und pompös war auch teuer und der Bau dauerte lan-ge. Und das Wohnungsproblem brannte buchstäblich auf den Nägeln. Eine schnelle und billige Lösung musste her und sie wurde gefunden.
Im Wissenschaftlichen Institut des Mosprojekts wurde unter Leitung von Witalij Lagutenko ein Typ Plattenbau entwickelt, der in neuen Wohnungsbaukombinaten am Fließband hergestellt werden konnte. Einzelne Ziegel wurden nicht mehr gefertigt, sondern Wände und sogar ganze Zimmer!
Erste Experimente mit Platten wurden bereits 1948 durchgeführt. Doch der Massenwohnungsbau vier- und fünfgeschossiger Gebäude begann erst Ende der fünfziger/Anfang der sechziger Jahre, nachdem das ZK der KPdSU 1957 das Gesetz zur „Entwicklung des Wohnungsbaus in der UdSSR“ verabschiedet hatte.
Auf dem Gebiet des Dorfes Tscherjomuschki, damals gehörte es noch nicht zu Moskau, entstand ein Vorzeigebezirk. Hier sammelten Spezialisten aus dem gesamten Land Erfahrungen, um selbst in den entferntesten Ecken der Sowjetunion neue Wohnhäuser zu errichten.
Als erste „Chruschtschowka“ gilt das Haus Nummer 16 in der ul. Grimau in Tscherjomuschki in der Nähe der Metro Akademitcheskaya. Dieses viergeschossige Haus wurde als erstes gebaut, alle folgenden bekamen noch eine fünfte Etage.

Die Wohnungen in den Chruschtschowkas hatten folgende Parameter: Einraumwohnung 30 m², Zweiraumwohnung 43 m², Dreiraumwohnung 54 m², Deckenhöhe 2,60 m, Küche 4,7 m², modernes Bad.

Ein ganzes Heer von Spezialisten beschäftigte sich mit der Platzaufteilung in den Chruschtschowkas. Der Durchschnittsbürger wurde in den verschiedensten Situationen vermessen, beim Bügeln, beim Waschen, beim Abtrocknen mit dem Badetuch – aber selbst ihm würden manche Bewegungen schwerfallen … Zuerst waren die Chruschtschowkas nur für den Übergang gedacht, um schnell die Wohnungsfrage wenigstens für eine oder zwei Generationen zu lösen. So war eine Serie für eine Lebensdauer von 25 Jahren gedacht, eine andere war für 50 Jahre ausgelegt.

Und man baute nicht nur Häuser, man sorgte sich auch um ein ordentliches Umfeld.
Eine neue Wohnung erschien den Menschen nach den engen Verhältnissen in den Gemeinschaftswohnungen wie ein Palast und der Umzug geriet für viele zu einem Fest.

In der sowjetischen Enzyklopädie für Kinder findet sich ein Text, der alle Vorteile dieser Wohnungen beschreibt:
„Über die Treppe, die ordentlich mit einer Plastespur gegen Abrutschen und Ausrutschen geschützt ist, steigen wir bis ganz nach oben in die fünfte Etage. Das ist nicht besonders anstrengend, denn die Höhe jeder Wohnung, gemessen von Fußboden zum nächsten Fußboden, übersteigt keine drei Meter. Von einem Treppenabsatz gehen vier Wohnungen ab. Jede Wohnung ist nur für eine Familie vorgesehen.
Es gibt Ein-, Zwei- und Dreiraumwohnungen, in ihnen befinden sich außerdem Flur, Küche, Bad und ein Wirtschaftsraum. Der Boden ist mit Linoleum bedeckt. Das ist leicht und oft zu reinigen und be-kommt keine Risse, wie etwa Holz. Im Flur hängt ein Spiegel, eine Flurgarderobe wurde angebracht, auf dem Boden steht ein Schuhregal. Vom Flur aus führt ein kleiner und niedriger Gang weiter. Eine Zwischendecke für eine zusätzliche Aufbewahrungsmöglichkeit, wie etwa Ski, Koffer oder andere große Gegenstände wurde dort eingezogen. Türen führen vom Korridor aus in Bad. Küche und Wirtschaftsraum, die alle gekachelt sind.
Früher hat man die Rohre und Leitungen später eingebaut, jetzt werden extra Platten für die Leitungen für Wasser, Gas und Strom vorgefertigt und können beim Bau eine auf die andere montiert werden. Noch besser war die Idee, Bad und Wirtschaftsraum im Ganzen als sogenannte „Sanitärkabine“ im Werk zu bauen und einfach fertig einzusetzen. Um im Flur Tageslicht zu haben, bestand die Küchentür fast nur aus Glas. Die Küche war klein, doch trotzdem geräumig, denn überall waren Wandschränke eingelassen. In größeren Wohnungen gab es sogar einen Tisch, ansonsten nur einen Gasherd, eine Spüle mit kaltem und warmem Wasser sowie eine Arbeitsplatte.
Vom Korridor aus gelangt man in das Wohnzimmer, durch eine Tür aus Pressspan, die einiges aushält. Die rechte Wand sieht ungewöhnlich aus – von oben bis unten sind Türen angebracht – dahinter ver-steckt sich der Wohnzimmerschrank mit Regalen für Geschirr und Wäsche sowie einer Stange für die Kleiderbügel. Sehr bequem, platzsparend und noch dazu schallisolierend!
Die Wohnung ist mit praktischen, aber schicken Möbeln bestückt. Die Möbelstücke können verschiedene Funktionen erfüllen – ein und derselbe Sessel dienst zum Sitzen oder man kann ihn ausziehen zu einem Bett. Und auch der kleine Diwan kann in eine breite Couch verwandelt werden. Oder wir müssen Hausaufgaben machen – ganz leicht lässt sich aus dem Bücherschrank ein Brett heraus klappen – und schon ist der Schreibtisch bereit. Und wenn Gäste kommen? Dann wird der kleine Schrank geöffnet, ein Brett eingelegt, zwei Beine darunter geschraubt und schon ist der Esstisch fertig. Alle Einrichtungsgegenstände kann man leicht zusammen- und wieder auseinander bauen.
Wir sind nun durch die gesamte Wohnung gelaufen – nirgends haben wir eine Heizung entdecken können, doch im Zimmer ist es warm. Wenn man genauer hinschaut, sieht man überall unter den Fenstern Ausbuchtungen, in denen die Heizungen angebracht sind. Die Fensterrahmen sind aus Plaste – sie reißen nicht in der Sonne, sie faulen nicht bei Regen, sie müssen nicht gestrichen werden. Die zweifach verglasten Fenster lassen viel Licht und Sonne in die Räume.
So werden jetzt unsere Wohnungen gebaut – die Architekten kümmern sich um gute Wohnbedingungen der Sowjetbürger.“

Auf diese Art und Weise entstanden innerhalb weniger Jahre viele Wohngebiete. Für den Bau eines Wohnblocks benötigte man im Durchschnitt nur zwölf Tage, der Rekord einer Leningrader Brigade lag bei fünf Tagen! Allerdings machte man sich in Karikaturen über viele offensichtliche Baufehler lustig.

Beginnend vom Gartenring erstreckten sich die neuen Wohnviertel strahlenförmig bis zur Stadtgrenze. So war es den städtischen Beamten ein Leichtes, Menschen, die eigentlich im Zentrum beispielsweise in der Nähe des Arbat wohnten, im Rahmen des Programms der „Umsiedlung innerhalb des Stadtbezirks“ an das Ende der Leningrader Chaussee umzusetzen, wo nur ein Bus über die halbgeteerte Straße fuhr. Doch die Sowjetbürger begrüßten den Komfort in den zwar kleinen, aber eigenen Wohnungen und sahen optimistisch in die Zukunft.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später sind die Plattensiedlungen „gewachsene Strukturen“, haben sich „Höfe“ gebildet und ist die Vegetation entwickelt. Die verkehrstechnische Infrastruktur ist meist passa-bel, Metrostationen oft in fußläufiger Nähe und die Bewohner fühlen sich im Vergleich zu den später entstandenen Plattensiedlungen in zentrumsnaher Lage urban wohl. Sicher ist der bauliche Erhaltungs-zustand meistens desolat – aber das sind sehr eigentümliche Argumente für den massenhaften Abriss.
Es wird jetzt viel geredet über das Programm, die baufachliche und gesellschaftliche Notwendigkeit diskutiert, der juristische Rahmen beschwört und die positive Wirkung herausgestrichen. Gewinnbringende Momente kann man durchaus ausmachen – nur werden diese nicht diskutiert: Stellen wir für die jetzt in Moskau vorgesehenen 25 Mio. m² Wohnfläche eine einfache Rechnung auf: Mit dem Abriss und Neubau soll eine „Verdichtung“ mit Faktor 2,5-3,0 erreicht werden. Teilweise ist auch von Faktor 4 die Rede – will heißen: Für jeden abgerissenen Quadratmeter werden auf gleichem Baugrund 2,5-3 m² neu gebaut. Angenommene 65 Mio. m² Neubau würden also einer „geringen“ Verdichtung um Faktor 65/25=2,6 entsprechen.
Um welche Kosten geht es grob gesehen?
2,5 Mrd. €; Abriss (100 €/m²) x 25 Mio. m²
15,0 Mrd. €; Erneuerung/ Ertüchtigung der Infrastruktur
78,0 Mrd. €; Neubau (gute 1.200 €/m²) x 65 Mio. m²
Wir stehen also mit ca. 95,5 Mrd. € Kosten vor einem gigantischen Konjunkturschub für die Moskauer Bauindustrie!
Im Ergebnis würden dann nach flächengleicher „Kompensation“ der Alteigentümer von den neugebauten 65 Mio. m² – 25 Mio. m² noch 40 Mio. m² freiverkäuflich für den Initiator (wer immer das dann sein mag) zur Verfügung stehen. Bei angenommen 5000 €/m² Verkaufserlös reden wir also von ca. 200 Mrd. € Erlös. Abzüglich der 95,5 Mrd. € Kosten bleiben unter dem Strich mehr als 100 Mrd. Reingewinn!!! Selbst wenn man bei dem massenhaften Angebot von nachgebenden Preisen ausgehen kann, vermute ich, dass der „Initiator“, um die 100 Mrd. € Profit zu sichern, dann an der Stellschraube einer höheren Verdichtung arbeiten wird.
Bei den öffentlichen Debatten wird dieser Aspekt erstaunlicherweise wenig beleuchtet.

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From → Architektur

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