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Herbstferien im Baltikum

1. November 2016

Die  Herbstferien nutzten wir für einen Trip durch Litauen und Lettland. Das Baltikum war schon zu Sowjetzeiten anders, europäischer. Und erst recht heute – angenehme Menschen, viele sprechen Englisch, sehr wenig Müll, selbst auf den Dörfern, überall spürt man die Anstrengungen sich das Leben lebenswert zu machen. Die Innenstädte sind gut restauriert, in vielen Dörfern entwickelte sich ebenfalls eine gute Infrastruktur. Überall wurden Radwege angelegt, auch zwischen Orten. Die Hotels selbst in kleinen Orten sind mit denen in Europa vergleichbar, sauber, ansprechende Zimmer, gutes Frühstück, freundliches Servicepersonal. In den Restaurants spielt durchweg leise Musik, man kann sich ohne Schwierigkeiten unterhalten. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Kurzum – es sind Länder zum Wohlfühlen.

Moskau verabschiedete uns mit Regen – Vilnius, die Hauptstadt Litauens, empfing uns mit kühlem Sonnenschein. Die erste und die letzte Nacht hatten wir reserviert, ansonsten ließen wir uns treiben. In Vilnius, dem „Rom des Nordens“, sahen wir uns die schöne Altstadt an. Sie wird von vielen Kirchen dominiert, insgesamt sind es 42, dagegen gibt es in der einstmals jüdischen Stadt nur noch eine Synagoge – von ehemals 96. Auf dem Kathedralenplatz steht die St. Stanislaus-Kirche, gebaut 1783 im klassizistischen Stil. Besonders schön ist innen der barocke Altar. Die Peter und Pauls Kirche ist geschmückt mit 2 000 Stuckfiguren – keine gleicht einer anderen, darunter Fürsten, Bettler, Kinder, Alte, Teufel. Das sogenannte Gotische Ensemble an der Brücke, hinter der sich die demokratische Republik Uzupis (ein Künstler- und Szeneviertel, in dem einige als Kunstaktion eine unabhängige Republik ausriefen, sich eine Verfassung gaben und einen Präsidenten wählten) befindet, hebt sich ab von der ansonsten barocken Pracht. Einen guten Überblick über die Stadt hat man vom Burgberg aus. Überall in der Altstadt werden Souvenirs angeboten, Leinensachen, Getöpfertes, Geschnitztes und natürlich Bernstein in allen Formen. Weiter ging es nach Kaunas, in die heimliche Hauptstadt Litauens. Auf dem Weg machten wir Station in Trakai, einer Stadt circa 30 km von Vilnius entfernt. Sie war vor vielen Jahrhunderten Litauens Hauptstadt. Ansehen muss man dort eine alte gotische Wasserburg auf einer Insel, die aus romantischen Seen herausragt. In der Gegend leben noch Anhänger einer strenggläubigen altjüdischen Sekte, im Restaurant Kybynlar kann man ihre Spezialitäten probieren. Die Kenessa, ihre Synagoge, eine der zwei noch vorhandenen in Litauen, wird gerade restauriert. Das Kaunasser Meer, der größte litauische Stausee,  erstreckt sich links der Straße über mehr als neunzig Kilometer. Am westlichen Ufer liegt das Kloster Pazaislis, im 17. Jahrhundert für den Orden der Kamaldulenser im Hochbarock. Auch Kaunas hat eine sehr schöne Altstadt. Unser Hotel lag in der Nähe der Fußgängerzone, die zum Rathausplatz führt. In dessen Mitte steht das Rathaus, das im Volksmund der weiße Schwan genannt wird. Gotische Kaufmannshäuser säumen den Straßenrand. An der nordöstlichen Ecke erhebt sich die gewaltige Peter und Paul Kirche, das größte gotische Bauwerke Litauens. Abends schlemmerten wir litauisch im Restaurant Forto Dvaras  am Marktplatz. In Kaunas fährt die einzige Standseilbahn des Landes, ein Muss und ein kleines Erlebnis. Sie verbindet die Altstadt mit den Aleksotohügeln. Sie wurde von einer Leipziger Firma geplant und mit AEG-Technik ausgestattet. Die Fahrtzeit beträgt 1,38 Minuten und oben steht die Auferstehungskirche, gebaut in den dreißiger Jahren als Zeichen der Freiheit und Unabhängigkeit Litauens. Ihr Turm ist 63 Meter hoch. In Sowjetzeiten gehörte die Kirche zu einem Radiowerk. Seit 1990 finden wieder Gottesdienste statt. Im April 2015 wurde sie zur Basilika minor (https://de.wikipedia.org/wiki/Basilica_minor) ernannt. Das gesamte Viertel rund um die Kirche ist konstruktivistisch geprägt. Natürlich mussten wir alle Märkte besuchen. Ein ehemaliges Fabrikgelände am Stadtrand wurde zu einem Einkaufszentrum umgestaltet. Dort befindet sich auch der zentrale Obst- und Gemüsemarkt. Auf dem Weg nach Lettland erklommen wir den Berg der Kreuze in der Nähe von Siauliai. Um seine Entstehung ranken sich mehrere Legenden. Und schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts sollen die Bewohner aus den Orten rings um den Hügel, der wohlmöglich bereits Jahrhunderte vorher als Gebets- und Opferstätte dienste, Kreuze aufgestellt haben für die in den Aufständen gegen den russischen Zaren gefallenen Angehörigen. Den Sowjets waren die Kreuze ein Dorn im Auge, wurde doch der Berg zu einem Wallfahrtsort und Symbol für den politischen Widerstand gegen die kommunistische Herrschaft. Seit 1988 gehört der Berg der Kreuze wieder Litauen. Über einhundert tausend verschiedenster Kreuze, Gebetstöcke, Betsäulen und Heiligenskulpturen werden inzwischen auf dem Berg gezählt. Auf lettischer Seite wollten wir am nächsten Tag eine Schlossanlage besuchen. Erstmals machte sich die Nachsaison bemerkbar, Restaurants und Hotels waren geschlossen. Doch in der Kleinstadt Bauska unweit der Grenze entdeckten wir ein Hotel einer baltischen Kette, mit einem Restaurant, in dem sehr gutes Essen serviert wurde. Das Schloss Rundale, auch als Versailles der Ostsee bezeichnet, war ein Highlight unserer Tour. Mit seinen 138 Zimmern gilt es als prächtigstes Barockschloss des Baltikums. Den Bau betrieb Ende der dreißiger Jahre des 18. Jahrhunderts eine russische Zarin, es sollte ihrem Favoriten, dem kurländischen Kurfürsten Biron als Sommerresidenz dienen. Auf einer „kurzen“ oder „langen“ Exkursion können repräsentative Räumlichkeiten – der Goldene Saal, der Weiße Saal und die Große Galerie, Appartements des Herzogs – Gesellschafts- und Privaträume und die vollständig restaurierten Appartements der Herzogin besichtigt werden. Die prunkvollen Säle fesseln durch Ausstattung und Architektur. Eine selbst jetzt im Herbst wunderschöne Parkanlage, gestaltet zur Zeit des Schlossbaus, komplettiert das Ensemble. Unbedingt wollten wir einen Blick auf die Ostsee werfen, unser Ziel war Liepaja. Unterwegs besichtigten wir die Ruinen der alten livländischen Ordensburg in Dobele. Die Burg wurde in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts errichtet. Bis 1730 war sie bewohnt. Heute wird der Ort für Freiluft-Veranstaltungen genutzt. Schließlich erreichten wir Liepaja auf den Dünen der Ostseeküste! Die in Sowjetzeiten geschlossene Stadt (hier befand sich ein Stützpunkt der Roten Flotte), hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten sehr zum Positiven verändert. Liepaja ist in Lettland als Hauptstadt der Rockmusik und für ihre besonders kreative Atmosphäre für Musiker und Künstler bekannt. Die Stadt hat ein eigenes professionelles Sinfonieorchester und Theater. Vielfältige Festivals der Musik und der Kunst, darunter auch das Festival der Orgelmusik auf der ältesten historisch erhaltenen mechanischen Orgel der Welt, werden hier durchgeführt. Erst im letzten Jahr wurde eine neue Konzerthalle eingeweiht – sie hat die Form eines Bernsteins und heißt entsprechend Amber Hall. Sehenswert ist die Innenstadt – die evangelische St.-Anna-Kirche, sie wurde 1587 geweiht und ist berühmt für ihren barocken Altaraufsatz aus Holz aus dem Jahr 1697, die evangelische Dreifaltigkeitskathedrale von 1758, deren Orgel bis 1912 die größte der Welt war mit 131 Registern, vier Manualen und mehr als 7 000 Pfeifen. Sie gehört auch heute noch zu den größten in Europa. Spazierwege durch die Stadt sind mit Noten gekennzeichnet, ein Faltblatt mit den Routen weist markante Punkte aus. Besonders begeistert haben uns die vielen großen Holzhäuser und Jugendstilvillen. Und es hat uns gefallen, dass die ehemaligen Speicher restauriert werden. Für Liebhaber nichtarchitektonischer Objekte ist der ehemalige Kriegshafen im Stadtviertel Karosta zu empfehlen. Ideal zur Erholung ist der kilometerlange bis zu neunzig Meter breite Strand Liepajas. Angeblich wurde der feine weiße Sand in Russland für das Befüllen von Sanduhren verwendet – ohne ihn zu bearbeiten oder aufzubereiten. Eigentlich wollten wir uns in einem malerischen Fischerdörfchen niederlassen, um ein bisschen Ostsee zu genießen, aber entweder gab es kein Hotel oder das Hotel hatte keine Heizung oder es gab im ganzen Dorf kein Restaurant oder sie hatten zu … also fuhren wir nach Ventspils, eine kleine Stadt circa 120 km nördlich von Liepaja. Dank des Exports von russischem Öl hat es das Örtchen zu einigem Wohlstand gebracht. Sehenswert ist die gut restaurierte Altstadt mit zweihundert Jahre alten Häusern.  In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde in Ventspils ein Schloss des Livländischen Ordens gebaut. Es wurde 2001 restauriert und seitdem beherbergt es ein Museum, in dem die Geschichte der Burg erzählt wird. An der Ostseeküste gibt es ein Freiluftmuseum, das das Leben der lettischen und livischen Fischer und Bauern zum Thema hat. Auch an Kinder und Jugendliche wurde gedacht, viele weitläufige Spielplätze, verschiedene Abenteuerpfade, eine Schmalspurbahn, ein Aquapark und die größte Skater-Anlage Lettlands laden sie zum Klettern und Toben ein. Der Strand erstreckt sich bis mitten in den Stadtkern. Im Hafen werden Bootstouren angeboten. Wir haben nicht in einem der Drei-Sterne-Hotels übernachtet, sondern in diesem süßen Hotel auf dem Lielais prospekts 61, wo es  sehr gemütlich war. Zu empfehlen sind die Restaurants Zitari am Marktplatz und Skroderkrogs in der Skroderu iela 6. Ein bisschen hatten wir auch auf Fischbrötchen und geräucherten Fisch spekuliert, doch die Ausbeute war mehr als mager, lediglich von der Konservenfabrik in Ventspils wehte ein appetitlicher Räucherduft an den Strand zu uns herüber. Erst auf dem Markt in Riga gab es Fisch im Überfluss. Das war dann auch die letzte Station unserer Reise. Auf dem Weg erkundeten wir noch die Kleinstadt Kuldiga. Rechts und links der Fußgängerzone standen restaurierte Häuser, meist aus Holz und meist aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Kuldiga ist berühmt für den breitesten Wasserfall, manche behaupten Lettlands, andere sagen Europas, er ist zwar nicht sehr hoch, aber wirklich breit. In Riga, der Hauptstadt Lettlands, waren wir das letzte Mal vor zehn Jahren. Seitdem hat sich viel verändert. Die Altstadt ist geprägt von Kirchen, Kaufmanns- und Gildehäusern, krummen Gassen. Sie  besticht durch tolle Häuser, beispielsweise das Schwarzhäupterhaus (gleich neben dem Okkupationsmuseum, genannt Schwarzer Sarg), die Kleine und die Große Gilde, die Drei Brüder, das Mentzendorf-Haus. Mit dem St- Marien Dom steht die größte Kirche des Baltikums in Riga. Das Jugendstilviertel Elzbieta iela – Albert iela – Strelnieku iela, entstand in der Zeit des wirtschaftlichen Booms zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Es hat sich herausgemacht, so prächtigen, wuchtigen Jugendstil gibt es selten. Auch die Jugendstilgebäude im Zentrum sind eine Augenweide. Viele Cafés und Kneipen laden zum Ausruhen vom Stadtspaziergang oder zum Aufwärmen ein. In der Moskauer Vorstadt entdeckten wir eine Kirche der Altgläubigen, in der zwei Trauerfeiern stattfanden und wir leider nicht eingelassen wurden. Unbedingt einen Besuch wert ist der weitläufige Zentralmarkt, der in ehemaligen Flugzeughangars untergebracht ist. Das ist schon sehenswert. Und überhaupt kann man in der lettischen Hauptstadt gut einkaufen in zahlreichen Shoppingmalls und kleinen Boutiquen in der Altstadt.

Alles in allem – die baltischen Länder, die Vielfalt ihrer Kulturen, Landschaften und Sehenswürdigkeiten lohnen sich für einen Urlaubstripp.

 

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From → Andere Regionen

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