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Moskau der Tataren

29. April 2016

Die Tataren stellen die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe in Moskau und der Russischen Föderation. Gegenwärtig leben circa 1,5 Millionen Tataren in Moskau und Umgebung. An vielen Plätzen der Hauptstadt lassen sich Spuren ihrer Architektur, Kultur und Geschichte verfolgen. Interessant ist auch, dass eine der vielen Versionen der Herkunft des Namens „Moskau“ auf tatarischen Ursprung zurückgeführt wird, das Wort myskau kommt aus dem Tatarischen und bedeutet so viel wie Netz oder Schlinge.

Die erste Bekanntschaft, die die Moskauer mit den Moslems machten, erfolgte in der Zeit der Goldenen Horde, 1312 wurde der Islam als Staatsreligion eingeführt. Einer der ersten Bezirke Moskaus, in dem sich Tataren niederließen, ist Samoskworetschie. Heute erinnern noch die Straßenbezeichnungen Malaja und Bolschaja Tatarskaja uliza daran. Die ul. Ordynka bezeichnet den Beginn des Weges vom Kreml zur Hauptstadt der Goldenen Horde. Natürlich zog diese Straße viele Handwerker an, die den Reisenden ihre Dienstleistungen anboten, beispielsweise Schmiede (ul. Nowokusnetzkaja) oder Dolmetscher in Starye Tolmatschi (tolmatsch stammt vom tatarischen tel – Sprache ab).
Im Kreml befand sich damals der „Tatarenhof“, die Residenz der tatarischen Botschafter. An deren Stelle entstand später das Tschudov Kloster, das aber nicht mehr existiert.
Die Baumeister der Basilius-Kathedrale haben sich wohl etwas abgeschaut von der legendären Moschee Kul Scharif in Kasan, die Iwan der Schreckliche zerstören ließ. Möglicherweise stammt einiges Baumaterial aus Kasan. Außerdem soll die Basilius-Kathedrale die Eingliederung des Khanats Kasan in das Russische Reich symbolisieren.

In Samoskworetschie steht noch heute die Historische Moschee, ul. Bolschaja Tatarskaja 28, die älteste und erste Moschee der Stadt, die aus Stein gebaut wurde, gegründet 1823. 1939 wurde im Gebäude ein Kriegskommissariat untergebracht, danach eine Druckerei und Werkstätten.
1993 konnte das Gebetshaus wiedereröffnet werden.
In einem Haus, das 1913/14 mit Spendengeldern des Kaufmanns Salich Jersin und des Erdölmagnaten Schamsa Asadullajew aus Baku gebaut wurde, befindet sich jetzt das Tatarische Kulturzentrum mit einem Restaurant, in dem natürlich die tatarische Küche vorherrscht, Malyj Tatarskij pereulok 8. Hier finden viele Veranstaltungen statt, die jedermann besuchen kann, http://rtnka.com/.
Das Gebäude mit den östlichen Ornamenten in der Nähe der Moschee war für eine Schule vorgesehen. 1917 fand dort der Allrussische Kongress der Tataren statt. Später entwickelte sich das Haus zum Kultur- und Bildungszentrum der Moslems in Moskau.
An der Ecke ul. Bolschaja Tatarskaja/Klimentowskij pereulok steht das Haus Jersins. Dort lebte und arbeitete er.

In der ul. Mjasnitzkaja 7 steht ein vor Kurzem restauriertes Anwesen, das für die Khane von Kasimov errichtet wurde. Sie waren Nachkommen des Khans der Goldenen Horde. Der letzte Nachfahre, Iwan Wasiljewitsch, lebte dort bis 1716.

Eine weitere alte Moschee am Olimpijskij Prospekt wurde in den letzten Jahren durch einen gigantischen Neubau ersetzt.
Die historische Moschee wurde 1904 mit Mitteln eines tatarischen Kaufmanns errichtet und während der Sowjetzeit nicht geschlossen. Vor der Olympiade 1980 stand ihr der Abriss bevor, doch die Botschafter der arabischen Staaten und die Moskauer Moslems konnten das verhindern. 2008 wurde dem Gebäude der Status eines Kulturdenkmals zuerkannt, ein Jahr später allerdings folgte die Aberkennung. 2011 wurde sie abgerissen.
Ende September 2015 wurde nach zehnjähriger Bauphase in der Nähe der Metro Prospekt Mira eine neue Moschee eröffnet, eine der größten und prachtvollsten Europas. 19 000 m² machen Platz für 10 000 muslimische Gläubige. Drei Etagen sind für die Gebete vorgesehen. Die Kuppel hat einen Durchmesser von 46 Metern. Sie ist mit Blattgold verziert. Die zwei zentralen Minarette haben eine Höhe von 78 Metern. Ihre Form symbolisiert die Freundschaft der russischen Völker – die Minarette gleichen sowohl den Türmen des Moskauer Kremls als auch dem Sjujumbike-Turm des Kasaner Kremls. Das kleine Minarett erhebt sich über dem historischen Bereich der Moschee. Die alten Mauern wurden mit neuen Materialien wieder aufgebaut. Die Fenster kopieren die Formen der Fenster der historischen Moschee.

Am Siegespark, ul. Minskaja 2, steht die Gedenkmoschee, die den tatarischen Soldaten gewidmet ist, die im Großen Vaterländischen Krieg gefallen sind. Unter dem Dach des Gebäudes in Otradnoje, ul. Chatschaturjana 8, befinden sich die Schiiten-Moschee Inam sowie die Sunniten-Moschee Jardam.

Zwei Türme der Kremlmauer sind mit den Tataren verbunden, der Beklemischewskij Turm, der an der Ecke zur Moskworetzkij Brücke steht und der Borowitzki Turm.
Die beiden Brüder Fjodor und Afanasij Beklemisch waren am Bau der ersten steinernen Kremlmauer 1372 beteiligt. Und der Urenkel Fjodors Iwan Nikititsch Beklemischew, genannt Bersen (ber sin – du bist allein) war einer der engsten Mitstreiter Iwans III. Er war als Botschafter unterwegs nach Polen und erhielt für seine Verdienste einen Hof im Kreml, in der Nähe des heutigen Beklemischewskij Turms. Doch 1524 fiel Beklemischew in Ungnade, sein Hof wurde konfisziert, allerdings besaß er noch ein Gut an der heutigen Brücke. Nunmehr ist auch die Herkunft der Straßenbezeichnung Bersenjowskaja nabereschnjaja klar.

Der Borowitzkij Turm wurde 1490 errichtet, er diente dem legendären Turm Sjujumbike im Kasaner Kreml als architektonisches Vorbild. Und schauen wir auf den Kasaner Bahnhof am Komsomolskaja Platz, so erkennen wir, dass sein Turm den Sjujumbike-Turm nachempfindet. In der Halle des Bahnhofs im Hauptturm wurde 1997 eine Skulptur, die Sjujumbike, die letzte Regentin des Khanats von Kasan darstellt, eingeweiht. Es ist ein Geschenk der Kasaner Bevölkerung zum 850. Geburtstag Moskaus. Über Sjujumbike erzählt man sich im Volk folgendes: als Iwan der Schreckliche Kasan einnahm, sah er Sjujumbike und war von ihrer Schönheit überwältigt. Er trug ihr die Ehe an und sie erklärte sich einverstanden mit einer Bedingung. Iwan sollte binnen sieben Tagen einen siebenstöckigen Turm bauen, der bis in den Himmel reicht. Die besten russischen Baumeister schafften das und Sjujumbike sollte ihr Versprechen erfüllen. Vor der Abfahrt aus Kasan stieg sie auf den Turm, verabschiedete sich von ihrer Stadt und deren Bewohnern und kehrte nicht zum russischen Zaren zurück, sondern stürzte sich in die Tiefe. Seitdem trägt der Turm ihren Namen.

Moslems werden nicht nach orthodoxen, sondern muslimischen Regeln bestattet, also sind für sie auch besondere Plätze vorgesehen. Einer davon befindet sich auf Moskaus größtem Friedhof Nikolo-Chowanskoje. Er stellt faktisch eine Stadt der Toten dar, mit Straßen und Gassen (mit dem Auto kann man bis ans Grab fahren) sowie unterschiedlichen ethnischen Zonen. Neben dem russisch-orthodoxen gibt es auf dem Westfriedhof einen großen muslimischen Bereich sowie einen Platz für nichtreligiöse Menschen. Ein großer Bereich wird den verstorbenen Moslems auf dem Danilowskoje Friedhof zugestanden. In Kusminki wurde ein ganzer Friedhof für die Moslems eingerichtet. Auch auf den Friedhöfen Bulatnikowskoje, Gorkinskoje und Rodnikowskoje im Moskauer Umland können Moslems beerdigt werden.

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From → Landeskunde

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