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Neogotische Villen und Mietshäuser

10. April 2016

Einige Projekte im neogotischen Stil hat in Moskau Franz Schechtel verwirklicht. Dazu gehört die Villa der Familie Morosow, ul. Spiridonowka 17, und sein eigenes Haus.

Sawwa Morosow, der in England studiert hatte, begeisterte sich für die englische Architektur, insbesondere für die Gotik. Er beauftragte den damals noch jungen Schechtel, der für ihn bereits eine märchenhafte Datsche gebaut hatte und sich für die mittelalterliche Romantik begeisterte, mit der Planung dieses Gebäudes, mit dem er seine Frau Sinaida überraschen wollte. Dieses Kunstwerk im neogotischen Tudor-Stil eines englischen Schlosses geriet schnell zur Hauptattraktion Moskaus. Gegenwärtig empfängt dort das Außenministerium.

Das Haus an der Ecke der Gassen Jermolajewskij und Trjochprudnyj baute Schechtel 1896 mit Morosows Honorar für seine Familie. Die Fassade wird von einem Turm mit einem spitzen Dach dominiert. Sie ist nicht mehr so reich verziert wie die der Morosow-Villa.

Die Lewinson-Druckerei in der Trjochprudnyj Gasse 9 aus dem Jahr 1900 zählt zu den letzten neogotischen Bauwerken Franz Schechtels. Zu dieser Zeit dachte er bereits über eine Veränderung der mittelalterlichen architektonischen Formen nach. Er vereinfachte sie, fügte klare Linien hinzu und zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelte er sich zu einem bedeutenden Vertreter des russischen Jugendstils.

Dieses asymmetrische Haus trägt noch neogotische, aber bereits auch Züge des Jugendstils. Die Erkertürmchen und hohen Dächer, die gesamte Form des Gebäudes gehören zur Gotik. Der Jugendstil zeigt sich vor allem in der äußeren Gestaltung – bizarre Fensterrahmen, ein rundes Erkerfenster, in den Farben einer Distel, die quasi aus dem Kragstein herauswächst. In der Druckerei wurden bis zur Revolution Kunstbücher, Theaterprogramme, Zeitungen und Bücher herausgegeben

Zu den Gebäuden im neogotischen Stil gehört die Villa des Barons Andreas Knoop, Kolpatschnyj Gasse 5. Der erste Besitzer war Ludwig Knoop, ein Deutscher, der als Manager in England arbeitete und Textilausrüstung lieferte. Knoop zollte wohl seiner europäischen Herkunft Aufmerksamkeit, die Villa erinnert an die englische Windsorgotik, auf die die vielen Türme hinweisen. Allerding machten sich auch hier mit den Kacheln erste Merkmale des Jugendstils bemerkbar.

Damals begann man, in solche Häuser Kamine einzubauen. Zum Anwesen gehörten nicht nur das Wohnhaus, sondern auch einige Wirtschaftsgebäude. Knoop wählte diese Adresse nicht zufällig, denn er gehörte zur evangelischen Gemeinde der Peter-und-Paul-Kirche, die sich ganz in der Nähe befand.

Nach der Revolution befand sich dort die Vertretung der Ukrainischen SSR, in den achtziger Jahren das Bezirkskomitee des Komsomol.

Ein interessantes Bauwerk findet man in der Seliwjorstowoj Gasse 10. Es wurde 1903 als Mietshaus errichtet. Um zu sparen, wurde nur die Fassade verziert, alles andere sieht eher einfach aus. In der Fassade allerdings spiegeln sich gotische Züge wieder, die spitzen Fenster, leider ohne buntes Glas, die Fensterrose über dem Eingang, verschlungene Ornamente, tolle Wandpfeiler.

Auf dem Alten Arbat 35 steht das ehemalige Mietshaus der Familie Filatow. Auch in diesem dort alles überragenden Gebäude wurden Merkmale mittelalterlicher Architektur verbaut. Es wurde 1913/14 errichtet, zuerst als Wohnhaus für die Parteielite und Kulturschaffende, später zog das Kulturministerium dort ein. Seit 1990 gehört es den Theaterleuten als Haus des Schauspielers.

Das Projekt für die Villa Nekrasows in der Chlebnyj Gasse 20/3 stammt von Roman Klein. Ihre neogotischen Elemente lassen an ein mittelalterliches Gebäude im zentralen Teil Europas denken.

Das Haus der Polytechnischen Gesellschaft in der ist ein Beispiel für die späte Pseudogotik. Die Polytechnische Gesellschaft wurde Ende des 19. Jahrhunderts gegründet und vereinigte die Absolventen der Moskauer Technischen Hochschule (heute Baumann-Universität).

Eine der besten neogotischen Villen ist die von Anna Luise Lehmann in der Granatnyj Gasse 7. Sie wurde 1896 von Erichson errichtet und gehört heute zum Zentralen Haus der Architekten. Erichson projektierte die Villa im damals angesagten neogotischen Stil. Die Fassade ist reich verziert, weiße geschnitzte Details harmonieren mit rotem Ziegel. Die Fenster laufen spitz zu und auch die Dächer streben steil nach oben. Die Räume sind in verschiedenen Stilen gehalten – klassisch, barock, gotisch. Das Zentrum des Hauses bildet eine große Halle mit einer Paradetreppe aus Holz. Oben befinden sich eine umlaufende Galerie, mehrere Säle sowie eine Bibliothek. Nach der Oktoberrevolution wurde die Villa von verschiedenen Behörden und Botschaften genutzt. 1937 ging sie in das Eigentum der Architektenvereinigung der UdSSR über, ein neues Gebäude wurde daneben errichtet, in dem sich nun ein Zuschauersaal und das Restaurant befinden.

Besucht man die Gusjatnikowgasse, erweckt das Haus Nummer 11 die Aufmerksamkeit, denn seine Fassade wird dominiert von einem großen steinernen Ritter mit einem Helm auf dem Kopf und einem Schwert in der Hand. 1912 wurde es als Mietshaus für die Familie Epstein geplant. Die asymmetrische Fassade ist ansonsten nicht sehr dekoriert, nur unter den Erkern befinden sich Kapitelle aus zwei gebeugten und lächelnden Menschlein, die mittelalterliche Kleidung tragen. In den Nischen über dem Haupteingang sitzen Eidechsen. 1917 wurden aus den sechs Wohnungen große Kommunalwohnungen gemacht. Bei der Sanierung des Hauses in den achtziger Jahren ging die prächtige Innenausstattung verloren.

Ein ganzes Viertel am Sretenskij Boulevard/Ploschtschad‘ Turgenjewa nimmt das Haus der Versicherungsgesellschaft „Rossija“ ein. Schon von der Metro Tschistye Prudy ist zu sehen, wie reich verziert die Fassade ist. Alle diese Türmchen, Erker, Balkons und Balkönchen, die allegorischen Skulpturen, Spitzbögen, Friese mit Ornamenten versetzen den Betrachter quasi in das mittelalterliche Prag.  Doch der Schein trügt. Der zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts errichtete Komplex wurde für eine reiche Klientel gebaut und mit allen technischen Raffinessen ausgestattet. Im Keller standen eine Heizungsanlage, Pumpen, eine Klimaanlage, die nicht nur kalte Luft erzeugte, sondern sie auch filterte und befeuchtete. Die Wasserversorgung wurde dank eines Brunnens gewährleistet. Eine unabhängige Elektrostation sorgte für Strom. Es gab Fahrstühle und eine Wäscherei. Die 148 Wohnungen hatten eine Wohnfläche zwischen 200 und 400 m², die Decken waren bis zu 4,2 m hoch. Alle Wohnungen waren mit Küchenherd und Spüle ausgerüstet, ebenso mit Bad und Toilette mit Wasserspülung. Die Dachwohnungen mit Oberlicht konnten als Ateliers genutzt werden. Bis 1917 lebten dort Professoren der Universität, Wissenschaftler, Dumaabgeordnete, danach Vertreter der neuen sowjetischen Intelligenz. Leider wurden später die großen Wohnungen zerstückelt und als Kommunalwohnungen mit Bewohnern vollgestopft. Jetzt versucht man, den Grundriss der Wohnungen teilweise wieder herzustellen. Und die wenigsten wissen, dass sich im Hauptturm nicht nur eine Uhr befindet, sondern auch eine Glocke, die allerdings nur ein Mal erklang – 2011 anlässlich des hundertsten Geburtstages des Hauses.

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From → Architektur

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