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„S ljochkim parom“ – was ist eigentlich eine echt russische Banja?

30. September 2015

Jeder weiß von der russischen Banja – aber wann und wie sich der Brauch entwickelt hat und was genau die Besonderheiten im Unterschied zur europäischen Sauna oder zum römischen oder türkischen Bad sind, darüber gibt es oft sehr verschiedene Meinungen, aber kaum Wissen.
Die Wurzeln der Banja liegen in der Vorzeit; Herodot berichtet 450 v. C. von Schwitzjurten der Skythen, in der Nestorchronik nach 1110 heißt es „…habe hölzerne Banjas gesehen, die sie stark heizen…und schlagen sich mit Ruten“ und 1126 in der „Gesammelten Geschichte“ berichtet der Perser Modschmal at-tawarich „…Slawen bauen Erdhöhlen …werfen Steine ins Feuer und auf diese gießen sie Wasser“. Damit wird die ursprüngliche Banja beschrieben – ein Raum (Holzhaus oder Erdhöhle) mit einer Feuerstelle mit hineingeworfenen Steinen und einem Abzugsloch in der Decke. Nachdem das Feuer gelöscht und der Rauch abgezogen war, wurde der Abzug verstopft und kaltes Wasser auf die Steine und an die Innenwände gespritzt. Weil die Decke und die Wände von einer dicken Rußschicht bedeckt waren, heißt sie auch die „Schwarze Banja“. Später kam noch ein Vorraum zum Umziehen und Vorbereiten bzw. Ausruhen hinzu und auch der Schwitzraum wurde größer und erhielt mit einem Holzgerüst eine zweite (heißere) Ebene.

Für ausländische Besucher blieb das Saunavergnügen unerklärlich; so schrieb Giles Fletcher 1591 in „Of the Russe Common Wealth“ „… wie sie aus der Banja laufen…wie ein Ferkel am Bratspieß…sich mit kaltem Wasser begießen“ und ein Deutscher Händler im 17. Jahrhundert „…die Russen können schlimmste Hitze aushalten… bis sie kaum noch auf den Beinen stehen können. Im Winter…reiben sie ihren Körper mit Schnee wie mit Seife ein…“.

Das soziale Dorfleben war ohne Banja nicht denkbar; jeder größere Bauer hatte eine und im Dorf gab es gemeinschaftliche Banjas. Sobald ein Haus gebaut wurde, entstand zumeist parallel die Banja – aus Brandschutzgründen in gutem Abstand zum Haus. In den Städten waren die öffentlichen Einrichtungen auch ein Ort zum Wäsche waschen; Friseure, Zahnärzte und auch „Kostoprawi – Knocheneinrenker“ – also Masseure, boten ihre Dienste an. Übrigens gab es bis zum Ende des 18. Jahrhunderts generell keine Geschlechtertrennung – alle „dämpften“ (paritsja) sich gemeinsam und niemand fand das anzüglich. In vielen Regionen hat sich das bis weit in das 19. Jahrhundert erhalten.
sandunyEine (eigentlich sind es mehrere) der berühmtesten Banjas sind die „Sandunovskie banij“. Der Schauspieler Sila Sandunow hat sie nahe dem Flüsschen Neglinnaja auf einem von der Zarin als Dank für seine Leistungen im Hoftheater geschenkten Stück Land errichtet. Bei der Einweihung 1808 war sie wohl die erste nach Geschlechtern getrennte Banja in Moskau. Hier waren Puschkin, die Tschechow-Brüder und andere Berühmtheiten zu Gast. Die heute zugänglichen und mit ungewöhnlichem Luxus ausgestatteten Räume sind nach einem Projekt von Freudenberg 1896 entstanden; die Materialien kamen aus ganz Europa. Oftmals dienten die Räume als „Location“ für Filmaufnahmen.

Übrigens sprechen wir hier von einer „Weißen Banja“ – worin aber unterscheidet sich dieser erst in den letzten 200 Jahren entstandene Typ von der nur noch äußerst selten anzutreffenden „Schwarzen Banja“ oder den uns bekannten Badehaustypen – griechisch-römisches Bad, türki-sches Hamam oder finnische Sauna?
Es gibt verschiedene Arten, das Bad zu beheizen: Die Römer hatten ein System von Luftkanälen unter dem Fußboden, durch die sie den gesamten Fußboden aufheizten. Die Araber und Osmanen haben diese Form übernommen. Im Hamam sind die Temperaturen nicht so hoch (ca.50°C) – allerdings ist es sehr feucht, der Dampf breitet sich nebelartig aus. In der finnischen Sauna werden Steine erhitzt und dann mit Wasser bespritzt. Da die Steine nicht sehr heiß werden (300 – max. 500°C) bilden sich im Dampf mikroskopisch kleine Tröpfchen, die jedoch auf der Haut brennen. Wer je in einer deutschen Saunaanlage war, wird sich an die dort regelmäßig vorgenommenen aromatischen Aufgüsse erinnern und dass man sich oftmals gewünscht hätte, doch eine Ebene weiter unten gesessen zu haben. In der echten russischen Banja liegen nun die Steine hinter einer Ofenklappe und werden bis auf 800°C aufgeheizt. Um „Dampf zu machen“ wird die Klappe kurz geöffnet, eine Kelle Wasser hineingeschleudert und sofort wieder geschlossen. Der entstehende Dampf ist „fein“ – also ohne die vergleichbaren Tröpfchen – und brennt nicht auf der Haut. Kein besonderes Geheimnis – aber ein riesiger Unterschied. Russen nennen diese Form des Dampfes „leicht“ und wünschen sich einander diesen wie in der Überschrift angesprochen. Die Temperaturen im Schwitzraum sind üblicherweise 70-80°C – nur ganz harte „Banja-Gesellschaften“ treiben sie noch höher.

In der sowjetischen Zeit verkamen die öffentlichen Banjas leider, Kacheln fielen ab, Armaturen versagten, das Mobiliar verschliss, kaputte Lampen usw. Und auch die Sauberkeit war nicht mehr wie früher – übrigens haben in den Dörfern Schwangere oftmals in der natürlich nicht geheizten Banja entbunden, da es hier sauber und fast keimfrei war. Zur Zeit der schmuddeligen öffentlichen Banjas soll auch ein Ersatzschimpfwort für ein nicht jugendfreies entstanden sein, was für die Menschen früher völlig unverständlich gewesen wäre: Idi tyi v banju – Ach, geh´ doch in die Banja.

Wie verhält man sich nun in einer russischen Banja? Zunächst sollte man möglichst nüchtern mit Filzmütze, Badetuch und – ganz wichtig – Birkenbesen (Wenik) bewaffnet in der Vorstube (Predbannik) sich auf das Erlebnis einstellen. Der Besen muss in einer Schüssel kochend heißen Wassers eingeweicht werden. Beim Duschen sollten die Haare nicht nass werden. Dann kann es losgehen; mit der Filzmütze die Haare bedeckt setze man sich zunächst auf eine untere Stufe und gewöhne sich langsam an die Hitze. Dann erst sollte man langsam sich gegenseitig mit dem Besen bearbeiten. Beginnend mit leichtem Druck auf die Haut; Rücken, Hüfte, Beine und dann den ganzen Körper bestreichen. Zum Schluss wird mit dem Besen wie ein Fächer gewedelt. Beim nächsten Gang kommt dann leichtes Schlagen der Haut hinzu. Nach dem Schwitzraum geht es vom Abhärtungsgrad abhängig unter eine kalte Dusche, in ein Tauchbecken, Kullern im Schnee oder Baden im Eisloch.

IMAG0344Seit Jahrhunderten ist die Banja – egal ob die ursprünglich „Schwarze“ oder die heute als russisch bekannte „Weiße“ – Kommunikations- und Erholungsort. Streit und Gereiztheit haben dort nichts zu suchen. Es gibt auch keine Hierarchie – alle sind nackt und gleich vor der Hitze – nur das Wort des Banschiks gilt.
Banja-Tag im Dorfe ist der Samstag – wie auch schon bei den alten Wikingern und auf Erlass des Zaren (früher durfte nur an einem Tag der Woche die Banja eingeheizt werden), jeder Feiertag begann mit einem Banja-Besuch und auch für Jungvermählte war der Banja-Besuch nach der Hochzeitsnacht Pflicht. Und wenn das Geschäft ein sehr wichtiges ist, wird der Geschäftspartner mit in die Banja genommen. Es wird behauptet, dass bereits Rurik, der Staatsgründer der Rus, mit den Edlen der slawischen Stämme staatstragende Belange in der Banja besprochen haben soll.

Wenn Sie also nach der Banja spüren, wie die Kräfte zurückkehren und Sie jede einzelne Körperfaser fühlen, wie sie plötzlich ganz anders atmen können und freundliche Menschen Sie mit einem Lächeln und „S ljochkim parom“ begrüßen, dann haben Sie das Geheimnis erkundet.

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From → Bräuche

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