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Die Petrovkastraße

1. Februar 2015

Die Petrovka entstand im 14. Jahrhundert und führte vom Kreml bis zum Hoch-Peter-Kloster immer an dem Flüsschen Neglinka entlang. Zuerst wurde nur die linke Seite bebaut, da man Überschwemmungen fürchtete. Doch nachdem der Fluss zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Röhren umgeleitet wurde, stand der beidseitigen Bebauung nichts mehr im Wege. Schon damals wurde dort gehandelt, vor allem Ausländern gefiel es, den reichen Russen Bekleidung, Galanteriewaren, Schmuck und Bücher zu verkaufen. Heute verläuft die Petrovka vom Theaterplatz bis zur Mittleren Karetnyj Gasse. Sie beginnt zwischen dem Bolschoitheater und dem ZUM.

Das klassizistische Theater gehört zu den schönsten der Welt. Das erste Gebäude, errichtet 1780, brannte 1805 ab. Ein neues wurde unter Verwendung des alten errichtet, doch auch das fiel 1853 dem Feuer zum Opfer. 1853 zerstörte erneut ein Brand die Inneneinrichtung des Theaters. Bis heute ist die nachfolgende kostbare Ausstattung bis auf einige kleine Veränderungen erhalten geblieben. Das Theater hat 1800 Zuschauerplätze, circa 900 Mitarbeiter und Künstler sorgen für die Aufführung verschiedener Opern und Ballette.

Das ZUM, die zweitgrößte Einkaufspassage gegenüber dem Bolschoj Theater gehörte der Genossenschaft Muir & Mirrielees, die in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts ein Gebäude auf dem Theaterplatz für ein Geschäft kaufte. 1908 wurde nach Projekten des Architekten Roman Klein ein neues Gebäude im Stil der europäischen Gotik mit Jugendstilelementen errichtet. Muir & Mirrielees war ein großes Kaufhaus, in dem vor allem Galanteriewaren verkauft wurden. Hier verabredete man sich gern, es gab ein Restaurant, ein Café und die einzigen Personenfahrstühle Moskaus. Das Warenhaus geriet also nicht nur zu einem Handels- und Businesszentrum, sondern auch zu einem gesellschaftlichen und kulturellen Treffpunkt.
1974 wurde ein neues sechsgeschossiges Gebäude von der Seite der ul. Neglinnaja angebaut. Erst vor ein paar Jahren erfolgte der eher an ein Mausoleum erinnernde Anbau an Kusnetzkij Most.
Gegenüber ist die etwas nostalgische Bierbar Kamtschatka unbedingt sehenswert. Traditionelle sowjetische Speisen und einfaches Bier versprühen Atmosphäre. Im Sommer kann man draußen sitzen und den Vorstellungen der Straßenkünstler zusehen.

chom6Nummer 3, an der Kreuzung der beiden Handelsstraßen Petrovka und Kusnetzkij Most gelegen, ist ein tolles Mietshaus im Stil des Wiener Jugendstil, der in Moskau eher selten vorkommt. Früher als Geschäfts- und Wohnhaus genutzt, ist es heute Sitz einer Behörde für den Schiffsverkehr. An dieser Kreuzung wurde 1924 die erste und damals einzige Ampel in Moskau aufgestellt.
Das reich verzierte Eckhaus 6/7/9 wurde 1821 als Hotel Leipzig errichtet. Eine Übernachtung hier bevorzugten die Sänger der italienischen Oper. Es beeindruckt durch den Stuck, die originellen Eckgestaltung und Reliefs. Das alles blieb bis heute erhalten. Außer dem Hotel gab es dort viele berühmte Geschäfte wie den Friseur „Teodor“, nach der Revolution zog der Buchladen “ Krasnaja Moskva“ dort ein. Das Modegeschäft Ljamina wurde von Leningradodeshda (Leningrader Bekleidungswerk) abgelöst.

Das Haus der französischen Familie De Pré, ul. Petrovka 8, wurde mit Geschäften und Weinkellern von Roman Klein Ende des 19. Jahrhunderts für einen Weinhändler gebaut, der mit der Napoleonischen Armee nach Russland kam. Er war verletzt und wurde von einer russischen Krankenschwester gepflegt, in die er sich verliebte. Er heiratete und blieb in Russland. Seine Frau stammte ebenfalls aus einer Kaufmannsfamilie, ihr gehörte das Haus auf der Petrovka, hier wurde der erste Weinladen eröffnet, unten befanden sich große Weinkeller. Besonders bekannt war der Portwein De Pré 113.

Die Petrovskij Passage, ul. Petrovka 10, zählt ebenso wie das GUM und das ZUM zu den Aushängeschildern Moskaus. Dort, wo geplant war, die Petrovskij Passage zu bauen, standen früher 27 Häuser. Die Passage sollte dem Gelände Schick verleihen. 1906 wurde sie eingeweiht. Ihre Durchgänge waren nach einem Projekt von Schuchow mit zylindrischen Glasgewölben überdacht. Nach der Revolution war dort ein Kino, später eine Fabrik, in der die Unterwäsche für die Rote Armee genäht wurde. Während des Zweiten Weltkrieges entstanden große Kommunalwohnungen für ausgebombte Menschen. Die Passage existierte so bis in die sechziger Jahre. 1996 wurde sie rekonstruiert und lädt nun zum luxuriösen Einkaufen ein. Auch Ausstellungen finden dort statt. Allerdings gibt es keine Parkmöglichkeiten.
An der Ecke zur Stoleschnikowgasse stand früher eine Kirche. Sie wurde 1927 abgerissen, an ihr Schicksal erinnert eine kleine Kapelle.
In der Nummer 13/15, einem der ersten Moskauer Mietshäuser im Jugendstil, befand sich das Modegeschäft Jaques, dessen Besitzer Jakob Steiner war einer der ersten Radfahrer in Moskau, fuhr auch Auto und war Schatzmeister des Automobilclubs. Auch in Sowjetzeiten wurde hier immer Bekleidung verkauft, anstelle von Jaques Seidenfabrik gab es eine Näherei.

Im ehemaligen Anwesen der Familien Woronzow und Rajewskij, Petrovka12/14/16, das aus dem
18. Jahrhundert stammt, befand sich bis 1970 das Ministerium für industriellen Bau der UdSSR, das für diese Zwecke geändert wurde. Jetzt gehört das Gebäude die Generalstaatsanwaltschaft.
gulag1Im Hof der Petrovka 16 versteckt sich in einem Flügel des Anwesens das Staatliche GULAG-Museum, das 2004 eröffnet wurde. Eine bemerkenswerte Nachbarschaft! Die Ausstellung lässt die Atmosphäre der damaligen Zeit wieder lebendig werden, als Millionen Menschen den schweren Weg in Arbeitslager antreten mussten, deren Insassen Straßen, Eisenbahnlinien, Kanäle, Brücken, Fabriken bauten oder in Bergwerken arbeiteten. Auf einer großen Karte erinnern unzählige Fähnchen auf dem gesamten Territorium der ehemaligen Sowjetunion an die Verurteilten. Fotografien und Malerei vervollständigen die Sammlung und vertiefen das bedrückende Bild, das die Ausstellung hinterlässt.

Hinter der Stoleschnikowgasse, auch eine Fußgängerzone, steht das Haus Nummer 15, das vor der Revolution der Versicherungsgesellschaft Anker gehörte. Später richtete man eins der ersten Moskauer Kinos mit sechzig Plätzen ein.
Die Mietshäuser Nummer 18-20 gehörten der Genossenschaft Petrovskie Linii. Hier lebten die berühmten Wissenschaftler Sofija und Wladimir Kowalewskij. Er war Geologe und Philosoph, sie war die erste Mathematikprofessorin der Welt. Die Petrovskie Linii waren berühmt für viele Buchläden, Lesesäle und Bibliotheken.

In der Nummer 19, einem Mietshaus von Korowin, lebte Ende des 19. Jahrhunderts der legendäre Friseur Andrejew. Er war ein ehemaliger Leibeigener, hat in Paris die Ehre eines Professors für Friseurkunst erhalten und war weltbekannt. Ebenfalls im Gebäude war ein Geschäft der Konditoreifabrik Roter Oktober untergebracht. In manchen der heutigen Läden kann man noch Interieur von früher betrachten.

petr21Das originale Tor der Nummer 21 ist sehr massiv, es gehört zu einem der ersten Mietshäuser überhaupt und war nicht höher als die Gebäude der Anwesen damals in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts.
In den zwanziger Jahren bauten viele Betriebe und Gewerkschaften für ihre Mitarbeiter. Die Nummer 22 gehörte auch dazu, in die Wohnungsgenossenschaft zogen Mitarbeiter der Parfümfabrik Nowaja Sarja ein. Jetzt wird das Gebäude von der Stadtduma belegt.
Nummer 23 wurde nach 1781 für einen Textilunternehmer errichtet. 1892 zog die erste Ausbildungsstätte für Zahnärzte ein. 2002 wurde das Anwesen restauriert, die ursprüngliche Fassade wurde rekonstruiert. 1908 wurde in der Villa die erste, wir würden heute sagen physiotherapeutische Heilanstalt des Zander-Instituts, benannt nach dem schwedischen Physiotherapeuten Gustav Zander, gegründet.
Die Nummer 24 erinnert mit ihren mächtigen ionischen Säulen an die altgriechischen massiven Kirchen, jedoch wurde es in den Jahren des Ersten Weltkrieges für die Sparkasse gebaut. Bis in die dreißiger war dort das Institut für Arbeit, dessen Direktor ein Künstler war, der 1938 verhaftet und erschossen wurde. Erst in den neunziger Jahren wurde es wieder der Bank Petrokommerz übergeben.

Die Petrovka 25, das Gubin-Haus, gehört zu den herausragenden Architekturdenkmälern der Straße und ist mit seinen Säulen ein tolles Beispiel für den Klassizismus des berühmten russischen Architekten Matwej Kasakow. Leider brannte es 1812 ab, wurde jedoch wieder aufgebaut. Innen sollen noch Gemälde im Original erhalten sein.
Zwischen dem Garten und der Petrovskij Gasse wurde 1885 im pseudorussischen Stil der luxuriöse Ziegelbau des Theaters von Korsch errichtet. 1882 wurde die Monopolstellung für die Theater, die der Zar innehatte, aufgehoben und es durften private Theater gegründet werden. Fjodor Korsch, der eigentlich Jurist war, führte vor allem leichte Komödien auf, zog damit viel Publikum an und wendete sich dann auch ernsten Stücken zu. Er führte morgendliche Vorstellungen ein, die weniger kosteten. Jeden Freitag brachte er eine Premiere auf die Bühne, was ihm den Namen Theaterfabrikant einbrachte. Heute spielt dort das Theater der Nationen.
Im Haupthaus des Anwesens, das Ende des zwanzigsten Jahrhunderts saniert wurde, zog das Museum für Moderne Kunst ein, dessen Gründer und erster Direktor Zurab Zereteli, der Präsident der Russischen Akademie der Künste war. Im Museum kann man Avantgardekunst, sowjetische Nonkonformisten der 60er und 70er Jahre sowie aktuelle Kunst ansehen. In den Hof zu schauen lohnt auf alle Fälle.

Im Gebäude 5, Petrovka 26 befand sich 1812 der Stab der französischen Armee, das rettete es vor dem Feuer. Vor dem Anwesen befand sich ein Teich, den im 19. Jahrhundert der Moskauer Yachtclub mietete. Im Winter wurde eine Eisbahn angelegt und 1889 konnte die erste russische Eislaufmeisterschaft stattfinden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielte man sogar Eishockey, jetzt allerdings ist der Teich zugeschüttet. Im Winter wird aber immer noch eine Eisbahn angelegt, die ganz gemütlich ist, weil sie ein bisschen versteckt liegt.

In der Nummer 27, dem Haus des Elektromechanischen Instituts, lebte Konstantin Melnikow, ein bedeutender Avantgarde-Architekt. Ein Zimmer war ein Viertelkreis mit fünf runden Fenstern, hier hat er das Zylinder- Haus, das in der Kriwoarbatskaja Gasse steht, projektiert. 1920 zog das Elektromechanische Institut ein, das letzte private Institut zu Sowjetzeiten.

Das Hochpeterkloster, Petrovka 28, gehört zu den ältesten Moskauer Klöstern. Es ist seit 2009 wieder zugänglich ist, existierte früher über lange Jahre dank großzügiger Spenden verschiedenster Zaren. Unter Peter I. erhielt das Kloster seine endgültigen Gebäude. Er wies 1690 an, eine steinerne Kirche über den Gräbern seiner beim Aufstand der Strelitzen umgebrachten Onkel zu bauen.

Das Gebäude Petrovka 38, für die Moskauer ein Synonym für Polizei, schon jenseits des Boulevardrings gelegen, beherbergte früher die Peter-Kasernen. Ab 1917 gehörte es der Moskauer Miliz, hier war die Abteilung für Strafverfolgung, sehr berühmt und berüchtigt, es ging dabei um alle Verbrechen, die keinen politischen Charakter trugen. Nach dem Krieg kämpfte man gegen Kinderbanden, die Moskau terrorisierten, in den 60er Jahren wurden erste Serienmörder gejagt. Auch die Untersuchung von Terroranschlägen gehört zu den dortigen Aufgaben.

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From → Architektur

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