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Kiew

27. Juni 2014

DSC03347„Ganz schön steil“ denke ich, als ich mit der Menschenmasse auf die Rolltreppe gespült werde. Steil und lang. Es dauert einige Minuten, bis ich die 102 Meter nach oben zurück ans Tageslicht überwunden habe. Nicht umsonst gilt die U-Bahnstation Arsenalplatz (Арсенальна) in Kiew als eine der tiefst gelegenen weltweit.
Es wird nicht das letzte Auf (und Ab) dieses Tages bleiben. Kiew ist hügelig, zumindest der Stadtteil westlich des breiten Dnepr-Flusses. Ich bin froh über meine „vernünftigen“ Schuhe, so manches Mal komme ich aus der Puste – freue mich aber dafür immer wieder über eine überwältigende Aussicht. Im Park des Ruhmes, der mit einem Obelisken und einer ewigen Flamme an die Gefallenen im Zweiten Weltkrieg erinnert, lehne ich die angebotene, zerzauste Friedenstaube für ein Erinnerungsfoto dankend ab. Lieber lasse ich den Blick über die Umgebung schweifen: grün wellt sich der Hang hinunter zum breiten Fluss, und als ich mich nach rechts wende, sehe ich schon golden glitzernde Kuppeln. Dort will ich hin – zum Höhlenkloster, zur Lawra. UNESCO-Weltkulturerbe seit 1990 und ein Muss für jeden Kiew-Besucher.
Das „lebendige religiöse Herz der Ukraine“ – so steht es in meinem Reiseführer – empfängt mich mit lauter Musik. Ich bin irritiert. Einen Hit der bekanntesten ukrainischen Rockband Okean Elzy habe ich hier nun wirklich nicht erwartet. Schnell klärt sich auf: in der Nähe wird eine Hochzeit gefeiert, die Gäste lachen, das glückliche Paar nutzt die Klosteranlage als Kulisse für die Erinnerungsfotos. Ein weltliches Intermezzo. Ich gehe weiter, bedecke meine Haare mit einem Tuch und gehe hinein in die wieder aufgebaute Maria-Entschlafenskathedrale. Auch hier empfängt mich Musik, allerdings dieses Mal eindeutig kirchlich: Mönche singen eine mehr-stimmige Messe. Andächtig lausche ich, genieße die feierliche Atmosphäre, den mächtigen Choral. Und gehe still weiter. Bewundere noch die riesige Kuppel der Refektoriumskirche, die von Kerzen erhellt wird, und mache mich dann auf den Weg bergab zu den Höhlen, die der Anlage ihren Namen geben. DSC03393
Im 11. Jahrhundert soll sich hier, am Steilufer des Dnepr, ein Einsiedler die erste Höhle gegraben haben. Sozusagen die „Ur-Zelle“. Was man heute zu sehen bekommt, ist ein enges Labyrinth. Nur spärlich beleuchtet, es empfiehlt sich, eine der angebotenen Kerzen zu kaufen. Ich steige die Treppen hinab, es wird kälter und riecht etwas muffig. Schnell bekomme ich Platzangst. Die Mönche damals waren nicht nur genügsam, sie waren klein: das merke ich spätestens beim ersten Sarg in einer Nische. Durch den Glasdeckel sehe ich eine schmale, eingewickelte Mumie. Die Frau vor mir bekreuzigt mich und küsst den Deckel. Im Strom der Gläubigen gehe ich weiter, noch tiefer hinein in den Berg. Hinter der nächsten Ecke wird gebetet, der enge Gang weitet sich. Doch sofort werde ich als Nicht-Orthodoxe erkannt und weggeschickt. Und so steige ich die vielen kleinen Treppenstufen wieder nach oben, ans Tageslicht.
Etwas außer Atem trete ich ins Freie. Und stoße nach wenigen Schritten schon wieder auf ein Kontrastprogramm. Hinter der hohen Mauer ragt eine monumentale, atheistische Statue auf, die an den Sieg gegen Nazi-Deutschland erinnert: „Mutter Heimat“. Silbrig glitzernd thront sie 530 Tonnen schwer über dem Fluss, reckt Schild und Schwert in die Luft. „Bedrohlich“, denke ich, und mache mich zurück in die Kiewer Altstadt.

Der zentrale Platz, der Maidan, und die Prachtstraße Kreschtschatik sind nach wie vor geprägt von der Euromaidan-Bewegung. Autowracks und das ausgebrannte Gewerkschaftshaus zeugen von der Eskalation der Gewalt.
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Bilder, Blumen und Ewige Lichter erinnern an die Toten. Vor den verbliebenen Zelten raucht es in Kesseln. Männer sitzen lethargisch herum und warten – worauf? Die Bühne, auf der in den langen Wintermonaten fast rund um die Uhr Reden gehalten wurden, Gottesdienste gefeiert oder einfach nur die Nationalhymne gesungen wurde, ist verwaist. Die Euphorie, die ich noch bei meinem ersten Besuch Anfang Februar gespürt hatte, ist verflogen.
Immer wieder laufe ich über festgetrampelte Erde – das Pflaster, das hier einmal war, ist aufgerissen. Irgendwo her musste der Nachschub an Steinen zum Werfen ja kommen. Und für Reparatur und Wiederaufbau braucht man Geld – das der neu gewählte Bürgermeister Vitali Klitschko nicht so schnell auftreiben wird. Kürzlich hat er sein Büro bezogen. Und trocken gesagt: „Ich wusste, dass es schlimm steht. Aber dass es so schlimm ist…“. Ein Satz, der in mir immer noch nachhallt. Und mit jeder neuen Meldung aus dem Osten der Ukraine über Kämpfe, Entführungen, Gewalt wieder hoch kommt.

 

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From → Andere Regionen

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