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Ostern am Don

22. November 2013

Zwei Ehepaare machen sich auf den Weg nach Starotscherkassk und Rostov am Don, sechs Tage stehen zur Verfügung, einschl. Hin- und Rückreise. Wir sind per Auto unterwegs, der lange Weg – 1.105 km – lässt sich aber machen mit vier Fahrern. Kein großes Kulturprogramm ist geplant, wir wollen unser Gastland über Moskaus Grenzen hinaus weiter erkunden, zudem stehen Richtung Süden die Chancen auf ein bisschen Frühling recht gut.
Im Voraus gebucht haben wir Zimmer im Gasthof Starij Gorod, dem einzigen in der alten Kosakenhauptstadt Starotscherkassk, idyllisch gelegen am Don. Ganze 7 Zimmer mit kleinem Bad werden angeboten, schlicht und einfach, aber ganz individuell und liebevoll ausgestattet. Knarrende Holzdielen, schöne Möbel und hübsch arrangierter Zierrat erwarten uns. Der unschlagbare Preis von 1.500 Rubel pro Tag pro Zimmer beinhaltet auch ein Frühstück: Blini und Kaffee oder Tee, aber bitteschön erst ab 9.30 Uhr. (Wie sich im Laufe der Tage herausstellen soll, fällt es doch ein wenig schwer, so lange im Bett liegen zu bleiben, wenn sich der Hahn schon um 6 Uhr meldet, die Dorfhunde bereits ihr erstes Treffen und rege Kommunikation untereinander hatten und – zumal wir das Osterfest dort verbracht haben – die Glocken der nur einen Steinwurf entfernten Kirche laut und anhaltend läuten…, über den Kaffeedurst wollen wir gar nicht erst reden.)

Wir kommen abends gegen 20.30 Uhr an, beziehen unsere Zimmer und haben Hunger. Leider ist die Küche schon geschlossen, aber mit einer Tüte Chips, einem Bier und den Resten unseres Reiseproviants sind wir weit davon entfernt, uns die Vorfreude auf unseren Mini-Urlaub nehmen zu lassen. Nach der langen Fahrt können wir die erste Nacht alle gut schlafen und finden uns am nächsten Morgen pünktlich um halb zehn zum Frühstück ein. Einen ständigen Begleiter haben wir bereits beim ersten kleinen Morgenspaziergang gewonnen: Жужа, eine kleine Hündin begleitet und bewacht uns für die Dauer unseres Aufenthalts und wir danken ihr mit dem einen oder anderen Stück Fleisch – und, wir geben es zu – extra gekaufter Doktorskaja.

Nach dem Frühstück erkunden wir den Ort. Starotscherkassk wurde 1593 von Kosaken gegründet, war früher eine befestigte Stadt mit 20.000 Einwohnern, heute ein Dorf. Die Hauptstraße ist im Stil des 19. Jahrhunderts rekonstruiert. 1644 verlagerten die Donkosaken ihre Hauptstadt nach Tscherkassk, der Ort blieb dann bis 1805 Hauptstadt des Don-Heeres. Hier entstanden auch im 18. Jahrhundert die ersten Bildungseinrichtungen im Don-Gebiet: ein Heeresseminar, ein Priesterseminar, eine Volksschule und ein Gymnasium. Im Ort finden sich viele historische Denkmäler: eine Kathedrale (Voskresensky Sabor, Ende 17., Anfang 18. Jahrhundert erbaut) mit wunderschönem Ikonostas, barockem Kronleuchter, der Aufbau und die Bemalung der Kathedralenempore sind einzigartig und besonders wertvoll. Der Boden der Kathedrale besteht aus gusseisernen Platten. Zur Kathedrale gehört ein 50 m hoher Glockenturm, von dem aus auch die beiden weiteren Kirchen des Ortes, die Ratnaja-Kirche aus dem Jahr 1731 und die Peter-Paul-Kirche (1749), in der 1753 der Heeresataman (Ataman war der höchste Rang bei den russischen Kosaken) Graf Matweij Iwanowitsch Platow 1753 getauft wurde, zu sehen sind. An den Sommerwochenenden finden oft ein Kosaken-Markt, Musik, Tanz und Reitvorführungen statt. Das historisch-architektonische Museum umfasst das Gutshaus des Ata-mans Efremow aus dem 18./19. Jahrhundert, dazu gehören der Palast, die Hauskirche, die Küche, die Steinscheune und das Klostergasthaus. Ein Besuch des Museums lohnt sich auf jeden Fall!

Im Ort finden sich zumeist die typischen Holzhäuser, ein bisschen windschief, aber hübsch, wir freuen uns an den kleinen Gärten und den bereits blühenden Osterglocken.
Nach dem nicht sehr umfangreichen Frühstück meldet sich bald wieder der Hunger, wir finden in der Ortsmitte das Café Казачый Куренёк und lassen es uns bei Schaschlik, Pelmeni, Ucha und Borschtsch gut gehen. Wir sitzen auf gehäkelten Sitzkissen, hören Kosakenlieder. Die Wirtin ist mit uns, unseren Russischkenntnissen und dem guten Geschäft offensichtlich zufrieden und weist uns darauf hin, dass wir – sofern wir etwas Hochprozentiges trinken möchten – doch einfach schnell zum gegenüber liegenden Produkti gehen, das „Nötige“ besorgen und dann genüsslich bei ihr konsumieren könnten. Ein Uhr mittags erscheint uns dann doch ein wenig früh dafür, aber wir notieren in Gedanken diesen Hinweis.
Am Ufer des Don genießen wir am Nachmittag die Sonne, beobachten die Schiffe und das Hin und Her der kleinen Fähre, die Ruhe ist himmlisch – welch ein Luxus! Den Abend verbringen wir auf der Terrasse unseres Hotels, dessen Küche wirklich gut ist und sind dann – für Moskauer Verhältnisse – recht früh im Bett verschwunden. Irgendwie machen sich die lange Fahrt, die viele frische Luft und das zur-Ruhe-kommen doch bemerkbar.
Am nächsten Tag steht eine Fahrt zu den in dieser Gegend reichlich vorhandenen Gestüten auf dem Plan. Angekündigt haben wir uns nicht, wir fahren einfach drauf los. In Звенигoрoд, auf halbem Weg nach Salsk, finden wir eher zufällig das Gestüt Kirow, kurz entschlossen fahren wir dorthin, einfach auf das Gelände und marschieren los, um den Ersten, den wir treffen zu fragen, ob wir das Gestüt besichtigen dürfen. Wir haben Glück: wir treffen den Trainer in einem der Ställe, fragen, und er ist bereit, uns alles zu zeigen. Was wir vorfinden, ist eine gerade in der Modernisierung befindliche Anlage, Ställe und Pferdeboxen vom Feinsten und wunderschöne Trakehnerhengste. Mit sichtlichem Stolz zeigt uns der Trainer die Anlage, erzählt, wird einige Male durch das Klingeln seines Handy unterbrochen, weil natürlich nicht unbemerkt geblieben ist, dass sich auf dem Gelände fremde Leute befinden, er aber bleibt unbeeindruckt davon und nimmt sich Zeit für uns. Wir schauen uns noch ca. 50 Jährlinge an, zumindest zwei der vier Reisenden könnten als ausgesprochene Pferdeliebhaber eigentlich den ganzen Tag dort verbringen, verabschieden uns dann doch nach ungefähr einer Stunde, natürlich nicht ohne das obligatorische Abschiedsfoto und einem ausgesprochen herzlichen Händedruck und ein großes Dankeschön. Wir sind begeistert! Weiter geht’s Richtung Salsk (Сальск), nördlich der Stadt befindet sich ein Budjonny-Gestüt. Wir kommen an, sehen ein eher unbewirtschaftet aussehendes Gelände, treffen dort dann doch jemanden an und dürfen uns auch dort ohne Probleme die Ställe anschauen. Vier Leute kümmern sich um geschätzte 40 Pferde und eine Gruppe von ca. 20 Jährlingen. Wir sehen das Satteln von 3 Pferden, einen kurzen Ausritt, d.h. 15 Minuten ins Freie, Galopp und ab zurück in den Stall. Kein Vergleich mit dem, was wir zuvor gesehen haben, wir bleiben eine halbe Stunde und machen uns wieder auf den Rückweg.
Im Starotscherkassk herrscht derweil reges Treiben, denn schon am Samstagabend versammeln sich die Menschen traditionsgemäß zur festlichen Messe. In alten Zeiten glaubte man, dass die Teufelskreaturen in der Nacht vor Ostern besonders böse wurden. So trauten sich die Leute nach Sonnenuntergang nicht mehr auf die Straße, weil sie in jeder Katze eine Hexe und in jedem Hund einen Teufel sahen. Die Kirche war dagegen ein sicherer Zufluchtsort. Diese Tradition hat auch sowjetische Zeiten überlebt und lebt heute wieder voll auf. Der Gottesdienst am Abend vor Ostersonntag ist der wichtigste des ganzen Jahres. Die mehrstündige Prozedur in der Osternacht erfordert von den Gläubigen einiges Durchhaltevermögen. Meist dauert sie von halb zwölf Uhr nachts bis drei Uhr morgens und Sitzplätze gibt es in orthodoxen Kirchen kaum. Gegen Mitternacht tritt der Geistliche mit einer großen Kerze in der Hand vor seine Gemeinde und spricht die Worte „Christus ist auferstanden“. Die Gläubigen antworten ihm im Chor: „Fürwahr, er ist auferstanden.“ Dann schreitet der Pope gemäßigten Schrittes durch die Menge zum Ausgang. Es ist Zeit für den Kreuzgang, der den Weg der Jünger symbolisiert, die dem auferstandenen Christus entgegen gingen. Zusammen mit den Gläubigen geht der Geistliche einmal um die Kirche – entgegen des Uhrzeigersinns. Mitgeführt werden neben den Kerzen auch Flaggen, das Evangelium und die Ikone der Auferstehung Christus. Nach dem Gang um die Kirche wird der Gottesdienst fortgesetzt. Gehen drei Uhr nachts gehen auch die letzten nach Hause.
Ostersonntag in Starotscherkassk. Meist herrscht an diesem Tag schönes, sonniges Wetter. „Die Sonne spielt“, sagen die Russen. Der ganze Ort ist auf den Beinen, ein kleiner Markt findet statt, die Fähre bringt unzählige Autos und Fußgänger über den Don. Die Menschen strömen in den Ort, alle Leute sind bepackt mit Tüten, die die Osterkuchen (кулич), den Wein usw. beinhalten. In Abständen weiht der Geistliche die mitgebrachten Speisen und Getränke, er ist „großzügig“ mit dem Weihwasser, der eine oder andere Gläubige könnte danach gut ein Handtuch gebrauchen – kennt der Geistliche vielleicht seine „Pappenheimer“ und weiß, wer besonders viel Segen nötig hat??
Alle sehen zufrieden aus, lassen es sich gut gehen und essen Unmengen von Schaschliki – wir auch, sind dann aber waaahhhnsinnig erschöpft und brauchen einen Mittagsschlaf. Jedoch: Schon früher durften am Ostersonntag Männer und Burschen zu jeder Zeit Glocken läuten. „So war die Luft erfüllt vom Klang der vielen Glocken, die für eine fröhliche und festliche Stimmung sorgten.“ Damit war auch Ostern 2011 an Mittagsschlaf nicht zu denken, die Glocken läuten unermüdlich, nach kurzer Zeit geben wir auf, genießen einen Kaffee auf der Terrasse, erzählen, spielen Karten, machen einen kurzen Spaziergang durch das Dorf, erinnern uns an den Rat der Wirtin des Cafés, kaufen Sekt und genießen ihn (na ja, wie man halt warmen Sekt genießen kann) als Aperitif vor dem Abendessen, für das wir dann bald wieder bereit sind. Жужа, inzwischen mit ziemlich vollem Bauch, ist bei uns, verteidigt uns gegen lästige Touristen, Menschen mit Taschen und gegen den Schrubber, mit dem nach diesem Ansturm von Besuchern die Terrasse gereinigt wird – was kann uns also schon passieren?
Für den Ostermontag haben wir uns einen Besuch in Rostov vorgenommen. Nach kurzer Unter brechung auf der Hinfahrt – irgendwann reichen Blini zum Frühstück eben nicht mehr aus und etwas kräftigeres muss her – kommen wir vormittags in Rostov an, spazieren an der Uferpromenade entlang und entscheiden uns für eine Bootstour auf dem Don. Als wir zurück sind, hat die Rush hour auch in Rostov eingesetzt, wir ziehen das ruhige Starotscherkassk vor und machen uns auf den Weg. Kein ganz leichtes Unterfangen, denn es ist wirklich nichts ausgeschildert. Leider platzt auf dem Rückweg irgendwann, aus heiterem Himmel, die Heckscheibe. Wir fragen uns von einem Autohändler zum nächsten quer durch Rostov bis zur VW-Werkstatt, dort ist man quasi hilflos und teilt uns mit, dass in Moskau eine neue Heckscheibe verfügbar wäre… Wir beschließen, Folie zu kaufen, damit die Öffnung zu verschließen und so die Rückfahrt nach Moskau zu wagen. Auf dem Parkplatz des Baumarktes, in dem wir die Folie besorgen, zeigen sich einige Leute interessiert und sehr hilfsbereit. Besonders gut tut es den auf ihre Ehemänner wartenden, wirklich schon erwachsenen Frauen allerdings, als ein hilfsbereiter Russe seinen Freund anruft, ihm das Problem schildert und mitteilt, dass zwei „ребята“ (Kinder!!!) Hilfe bräuchten…. Wir haben dann doch den Schaden mit Folie verschlossen und uns am nächsten Morgen um 5.30 Uhr auf den Rückweg nach Moskau gemacht. Die Folie hat gehalten, wir haben die Strecke gut geschafft, der Stau vor dem MKAD bis nach Moskau hinein wäre jedoch verzichtbar gewesen.
Unser Fazit: Die Reise hat sich gelohnt, Starotscherkassk, Rostov und das Naturschutzgebiet dieser kulturreichen Region sind wirklich einen Besuch wert, im Mai oder Juni wird es dort wunderschön aussehen. Die Menschen sind durchweg freundlich und offen, man kann sich rundherum wohl fühlen.

From → Russland

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