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Die Matrjoschkas

21. November 2013

Die Matrjoschka, eine Schachtel- oder Steckpuppe aus Holz, ist das liebste Souvenir, das man aus Russland mitnehmen kann, ein Symbol der russischen Volkskunst.
Sie ist allerdings nicht so alt, wie viele glauben mögen. Es wird angenommen, dass ihr Vorbild die aus mehreren Teilen bestehende Figur des buddhistischen Weisen Fukuruma war, die Ende des 19. Jhs. von der japanischen Insel Honshu nach Russland in die Werkstatt für Kinderspielzeug gelangte. Doch trotzdem ist als Heimat der Matrjoschka Sergejew Posad anzusehen, das größte Spielzeugzentrum Russlands. Schon das Dreifaltigkeitskloster war im 16. Jh. ein Zentrum der Handwerkskunst im alten Russland. Der Legende nach hat bereits Sergej von Radonesh, der Begründer des Klosters, Spielzeug für die Kinder geschnitzt. Damals waren die Matrjoschkas sehr teuer, auch viele Ikonenmaler beschäftigten sich mit dem Bemalen des Holzspielzeugs, um schneller Geld zu verdienen. Die Rohlinge kamen vorrangig aus dem Podolsker Gebiet, wo sich Drechsler auf deren Herstellung spezialisiert haben.

Den Rohling für die erste Matrjoschka schuf der Drechsler und Schnitzer Wasilij Swjosdotschkin, der Künstler Sergej Maljutin bemalte die Holzpuppe nach eigenen Entwürfen. Viel Aufwand ist nötig, um einen Rohling herzustellen. Die Rohlinge werden in der Regel aus dem weichen Lindenholz gedrechselt, seltener aus Birken – oder Pappelholz. Der Stamm wird im Frühjahr gefällt, von der Rinde befreit, aber nicht überall, um Risse zu vermeiden. Er muss mindestens zwei Jahre trocknen, wenn er weder ganz feucht noch ganz trocken ist, kann man ihn bearbeiten. Man beginnt mit der Herstellung der kleinsten Puppe, bei den anderen wird zuerst der untere Teil gedreht. Zum Schluss wird jede Puppe mit einem speziellen Leim behandelt, getrocknet und geschliffen. Vor dem Bemalen kann man die Puppen noch mit Eiweiß bestreichen, damit die Farben besser angenommen werden. Sie können zum Schluss lackiert oder matt gelassen werden.

Die ersten Matrjoschkas wurden mit Blumen bemalt, dann folgten Sujets aus Märchen und Fabeln. Manche hatten ganze Geschichten über Russland oder die Familie zu erzählen. Man malte eine Schäferin, einen Altgläubigen, Braut und Bräutigam, Personen aus dem russischen Leben eben. Die traditionelle Matrjoschka trägt einen Sarafan, eine russische Tracht, hat Blumen oder einen Korb voller Früchte oder Brot in der Hand. Zum 100. Geburtstag Gogols erschien Taras Bulba als Matrjoschka, außerdem eine Holzpuppe, in der sich alle Figuren aus seiner Komödie „Der Revisor“ befanden. Zum 100. Jahrestag des Sieges über Napoleon bemalte man Matrjoschkas mit Napoleon und Kutusow sowie den Mitgliedern ihrer Stäbe. Heute werden Matrjoschkas mit „modernen“ Sujets bemalt – es gibt Parodien auf Politiker, Schauspieler, Sportler. Inzwischen gibt es Matrjoschkas, die blau-weiß nach Art des Porzellans aus Gshel oder in den Farben Gold, Rot und Schwarz wie die Figuren aus der Chochlomamalerei, bemalt werden,

Über die Bezeichnung „Matrjoschka“ wird mehrfach spekuliert, entweder sie geht auf die rus-sischen Frauennamen Mascha oder Manja zurück, oder auf den Namen Matrjona (aus dem La-teinischen Mutter) oder gar auf den Namen der hinduistischen Gottesmutter Matri. Bis heute wird die Matrjoschka als ein Symbol für Fruchtbarkeit und Mutterschaft angesehen.

Die Matrjoschka fand in Russland schnell Verbreitung und wurde allerorten geliebt. 1900 trat sie die Reise zur Weltausstellung in Paris an, wo sie eine Bronzemedaille gewonnen hat. Es folgten Bestellungen aus dem Ausland, die Matrjoschka gelangte auf die Leipziger Messe und in Nürnberg existierte sogar eine Fabrik, die selbst dieseHolzpuppen produzierte.
1891 wurde in Sergejew Posad eine Lernwerkstatt für Spielzeug eingerichtet, aus der 1913 eine Vereinigung der Spielzeugwerkstätten hervorging. 1928 entstand daraus die Spielzeugfabrik Nr. 1, wie sie auch heute noch existiert. Hier wurden auch die Matrjoschkas hergestellt. Swjosdotschkin bildete hier mehrere hundert Schüler aus. Viele Meister kamen aus dem Gebiet Podolsk, um in Sergejew Posad ihre Rohlinge zur Verfügung zu stellen. Am besten gingen die Matrjoschkas aus 3, 8 und 12 Teilen, eine 48teilige Puppe wurde 1913 in Sankt Petersburg ausgestellt.
In den 20er Jahren etablierten sich in Semjonow und kleineren Dörfern des Nishegorodsker Gouvernements weitere Zentren der Matrjoschkaherstellung. Die Künstler dort entwickelten ihre eigene Matrjoschka, sie war schlank, anstelle des Sarafans trug sie Blumen. 1918 wurde in Moskau ein Spielzeugmuseum eingerichtet, zu dem auch eine Werkstatt gehörte. Das Museum zog 1931 nach Sagorsk um (so hieß damals Sergejew Posad). Dort wurde kurz darauf das weltweit erste wissenschaftlich-experimentelle Spielzeuginstitut gegründet. Die Matrjoschka verbreitete sich in der gesamten Sowjetunion und hatte in jeder Region ihr eigenes Gesicht.
Apropos Gesicht – es ist das Wichtigste an der Matrjoschka, wenn es nicht lächelt oder keinen charakteristischen Ausdruck hat, mag man die Puppe gar nicht ansehen.
Ein Matrjoschka-Museum wurde 2001 in Moskau in der Leontjewgasse 7 gegründet.

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From → Volkskunst

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