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Was Gebäude erzählen – Mäzenatentum in Moskau im 19. und 20. Jahrhundert

16. November 2013

Das Mäzenatentum in Moskau war sehr oft mit religiösen und moralischen Vorstellungen verbunden. Die Unterstützung von Bildung und Kultur war den reichen Bevölkerungsschichten Russlands, vor allem auch vielen Unternehmern ein Bedürfnis. Die Fabrikanten und Kaufleute kamen oft aus dem russisch-orthodoxen und altgläubigen Milieu. Zu den berühmtesten Magnatenfamilien gehören beispielsweise die Morosows, Tretjakows, Rjabuschinskijs und Mamontows. Sie gestalteten Moskau um – der Bau ihrer Fabriken zog beispielsweise auch das Entstehen neuer Bahnhöfe nach sich. Geschäfts- und Bankhäuser, Hotels wuchsen aus dem Boden. Mietskasernen für die vielen Arbeiter wurden errichtet. Doch die Unternehmer waren auch auf andere Weise aktiv. Sie unterstützten geistige und kulturelle Interessen, gründeten Galerien, erwarben und sammelten nationale Kunstgegenstände. Sie stifteten Stipendien, spendeten Geld für Schulen und Krankenhäuser, bauten Wohnhäuser für Arme. Ihr Einfluss und ihre Erfolge sind auch im heutigen Moskau noch spürbar.

Die Familie Morosow stammte aus Sujewo, einem Dorf westlich von Moskau. Hier eröffnete Sawwa Morosow, das spätere Oberhaupt der Morosowschen Textildynastie, an der Wende zum 19. Jahrhundert eine Weberei. Er verkaufte seine Stoffe, die seine Frau bemalte, selbst. Jeden Tag begab er sich dafür zu Fuß nach Moskau. Die Nachfrage stieg und in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts konnte sich die Familie in Moskau niederlassen. Die altgläubige Sippe war weit verzweigt und in mehreren Orten Russlands zu Hause. Auf dem Smolenskij Boulevard/Ecke Glasovgasse steht ein harmonisch angelegtes Gebäude, das 1891 die Familie Morosow kaufte. Hier trafen sich viele Künstler, mit denen die Morosows befreundet waren. Zum Sonntagsfrühstück um 14 Uhr versammelte sich das künstlerische Moskau, beispielsweise Korowin, Serow, Lewitan und Wrubel. Serow malte das berühmte Porträt Morosows. Michail Morosow selbst sammelte Gemälde, seit er zwanzig Jahre alt war. Zuerst erwarb er die Bilder seiner Freunde und anderer russischer Künstler wie Wasnezow, Perow und Winogradow. Er besaß eine bedeutende Sammlung russischer Ikonen. Sogar eine ägyptische Mumie gehörte ihm. Den wichtigsten Teil seiner Kollektion machte allerdings die französische Kunst aus. Als erster Russe schätzte er Renoir, Van Gogh, Gauguin und viele andere. Die Sammlung hing im Wintergarten und in vielen Räumen dieses Anwesens. Er verbreitete ihre Werke und riet auch anderen Förderern, ihre Gemälde zu kaufen. Morosow starb bereits mit 33 Jahren. Seine Kunstsammlung übergab die Familie der Tretjakowgalerie. Die westeuropäischen Gemälde hängen nun in der Eremitage und im Puschkinmuseum. Morosow war für viele Organisationen und Vereinigungen tätig und unterstützte sie finanziell – die Moskauer Gesellschaft der Kunstliebhaber, die Vereinigung der Schriftsteller und Wissenschaftler, die Russische Musikalische Vereinigung und viele mehr. Er finanzierte zum Teil die Restaurierung der Himmelfahrtskirche im Kreml. Er spendete für das Konservatorium, für die Stroganow-Kunstschule, für medizinische Einrichtungen und Heime. Er schrieb Rezensionen für Theaterstücke. Das Anwesen der Familie Morosow in der ul. Spiridonowka 17 hat sicher jeder schon einmal gesehen. Dieses Gebäude wurde Ende des 19. Jahrhunderts nach Plänen des damals jungen Fedor Schechtel errichtet. Er hatte für Sawwa Morosow schon eine märchenhafte Datsche gebaut, aber noch nie so ein großes Projekt verwirklicht. Morosow studierte in England und begeisterte sich für die englische Gotik, Schechtel für die mittelalterliche Romantik. Im Ergebnis entstand dieses beeindruckende Haus. Heute empfängt hier das Außenministerium. Die Brüder Sawwa und Sergej Morosow waren Mitglieder einer Vereinigung, die sich für ein allen zugängliches Theater einsetzte. Sie spendeten für den Bau des Moskauer Künstlertheaters in der Kammerherrengasse, das heutige MChT Nemirowitsch-Dantschenko. Sergej Morosow interessierte sich für Malerei und Musik. Er gab Geld für die Herausgabe der Zeitschrift „Welt der Kunst“. 1890 wurde er zum Direktor des Volkskunstmuseums ernannt. 1903 zog das Museum in ein Gebäude in der Leontjewgasse 7. Auf eigene Kosten erweiterte Morosow die Sammlungen des Museums. Er stellte den Handwerkern Beispiele der russischen Kunst des 17. bis 19. Jahrhunderts zur Verfügung, damit sie daran lernen und die alten Traditionen bewahren konnten. Nach der Oktoberrevolution wurde das Museum umbenannt in Museum der Volkskunst „Sergej Morosow“, heute sitzt dort der Fonds der Volkskunst der Russischen Föderation. Ende des 19. Jahrhunderts entstand in der Gegend der heutigen ul. Bolschaja Pirogowskaja ein damals einzigartiges medizinisches Viertel. Das Grundstück wurde den Doktoren von der Stadt überlassen. Den Anfang bildete eine psychiatrische Klinik, für die Geld von Warwara Morosowa gespendet wurde. Sie gab viele Rubel für Bildung und Heilung aus, das hielt sie für das Wichtigste. So spendete sie beispielsweise Geld für die Einrichtung der Turgenjew-Bibliothek mit einem Lesesaal. (Doch nicht alle Morosows waren Vorbilder. Der jüngste Sohn von Warwara Morosowa, Arsenij, hatte weder mit dem Familienunternehmen noch mit der Wohltätigkeit etwas am Hut. Er war ein Schönling und begeisterte die Damenwelt. Während seine älteren Brüder Gemälde sammelten, verwunderte er Moskau mit dem Bau eines Schlösschens im mauretanischen Stil, ul. Wosdwishenka gegenüber der Metro Arbatskaja. Das wird ewig stehen, meinte er, aber was mit den Bildern passieren wird, das wisse man nicht.) Zwei Jahre später kamen eine Entbindungs- und Frauenklinik dazu. Danach wurden Kliniken für Nervenkrankheiten, Chirurgie, Pathologie und andere gebaut. Auch die Onkologische Klinik war vorher eine Morosow-Klinik, für die Warwara gemeinsam mit ihren Söhnen 150 000 Rubel aufbrachte. Zum Schluss eröffneten 1895 Laboratorien sowie eine Hals-Nasen-Ohren-Klinik. So entstand eine „Allee des Lebens“, wie sie von den Medizinstudenten heute genannt wird, ein Komplex von Kliniken, die durch die Fördergelder der bürgerlichen Mäzenen möglich geworden sind, beginnend mit der Geburt und endend in der Pathologie. In der Nähe im Park steht übrigens ein historisches Häuschen, die älteste öffentliche Toilette Moskaus aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Ein weiterer bedeutender Name aus dem Moskauer Mäzenatentum war Bachruschin. Diese Familie war in der Gerber- und Tuchindustrie beschäftigt und betrieb Manufakturen. 1875 verfügte die Genossenschaft über ein Kapital von 2 Millionen Rubel. Sie war damit eines der größten Unternehmen Moskaus. Schon der Vater zeigte sich wohltätig und brachte seinen Söhnen bei, niemandem Hilfe zu verweigern. Sie schickten Gelder nach Saraisk, in die Heimat ihrer Vorfahren und finanzierten dort den Bau eines Krankenhauses. 1887 wurde in Moskau das Bachruschin-Krankenhaus für chronisch Kranke eröffnet. Sie wurden kostenlos behandelt. Die Gebäude bildeten eine architektonische Einheit, ihre Fassaden waren im russischen nationalen Stil ausgearbeitet. 1913 ergänzte den Komplex eine Poliklinik. Jetzt befindet sich in der ul. Stromynka 7 das Krankenhaus Nr. 33. Die Familie kaufte Land und bebaute es. Am Sophiskaja Nabereshnaja 26 gegenüber vom Kreml bauten die Bachruschins in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts für mehr als 1,2 Millionen Rubel ein riesiges „Haus mit kostenlosen und billigen Wohnungen für bedürftige Witwen mit Kindern und lernende Mädchen“. Hier haben in 456 Wohnungen zeitweise bis zu 2000 Menschen gelebt. Im Haus gab es ein Internat, zwei Kindergärten, eine Grundschule, eine Kantine, eine Handwerkerschule für die Jungen und eine Berufsschule für Mädchen. In einem Raum konnten Nähmaschinen genutzt werden. Bis 1930 war das Gebäude das größte und höchste am Ufer der Moskwa. Seine Fassade schmücken klassizistische und Jugendstilelemente. Heute hat die Firma Rosneft dort ihren Sitz. Mit dem Namen Bachruschin ist die Existenz von vier Theatern verbunden. Das Korsch-Theater, heute das Gorki-MChAT auf dem Twerskoj Boulevard, wurde auf einem Grundstück der Bachruschins errichtet. In ihrem eigenen Haus, ul. Bachruschina 29, unterhielten sie ein Heim für alte Künstler. Gegenwärtig befindet sich dort das Bachruschin-Theatermuseum.

Die Familie Mamontow kam aus Sibirien nach Moskau, um sich dem privaten Eisenbahnbau zu widmen. Sawwa Mamanotow wurde 1872 zum Direktor der Moskauer und Jaroslawler Eisenbahngesellschaft berufen. Er war Mitglied der Stadtduma sowie der Gesellschaft der Liebhaber der Wirtschaftswissenschaften sowie ein geachtetes Mitglied der Moskauer Kaufmannschaft. In Moskau hatte er eine Stadtwohnung auf dem heutigen Gartenring, ul. Sadowaja-Spasskaja 6. Von ihr ist leider nicht mehr viel zu sehen, nur ein Flügel, den Wrubel im römisch-byzantinischen Stil entworfen hatte. Mamontows Salon avancierte zum kulturellen Zentrum Moskaus. Hier lebten im Winter gemeinsam mit ihm viele Maler und Musiker. Mamontow war selbst ein vielseitiger Künstler und unterstützte verschiedenste Richtungen des künstlerischen Schaffens. Er half künstlerischen Vereinigungen, führte Opern auf, unterstützte die Truppe des Operntheaters Solodovnikovs. Sawwa Mamontow lebte im Sommer meist in der Künstlerkolonie Abramzewo. In den letzten dreißig Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Abramzewo zum Zentrum des künstlerischen Lebens in Russland. Hier lebten und arbeiteten nicht nur viele russische Künstler, beispielsweise Repin, Polenov, Wasnezow, sondern auch Musiker wie Schaljapin. Mamontow unterstützte viele von ihnen finanziell. Seine Verwandten, Mitarbeiter und Ingenieure verstanden diese Tätigkeit allerdings nicht.

Die Moskauer Unternehmer und Kaufleute versammelten sich oft im Kaufmannsklub in der ul. Malaja Dimitrovka 6. Er wurde zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts im Jugendstil errichtet. Hier wurden Theaterstücke aufgeführt und Konzerte gegeben. Jetzt befindet sich dort das Theater Lenkom.

Zu den reichen Kaufleuten und Hausbesitzern Moskaus zählte auch Gavrila Solodovnikov. Für wohltätige Zwecke spendete er mehr als 20 Millionen Rubel. Von diesem Geld wurde beispielsweise ein Theater in der ul. Bolschaja Dimitrovka, heute das Operettentheater, gebaut. Hier trat Schaljapin zum ersten Mal in Moskau auf. Er gab als erster Geld für den Bau des Großen Saals des Moskauer Konservatoriums. Für die dortige Marmortreppe wendete er 200 000 Rubel auf. In seinem Testament verfügte er, dass ein Drittel seines Vermögens in den Bau von Berufsschulen für Frauen im Twerer und anderen Gebieten gesteckt werden sollte. Ein weiterer Teil des Geldes sollte für die Einrichtungen von Schulen, Kinderheimen sowie Mietshäuser für Arme verwendet werden. In der ul. Meschtschanskaja, heute Giljarowskogo, baute die Moskauer Regierung tatsächlich für die Armen der Stadt, mit jeglicher Infrastruktur – Geschäften, Banjas, Kindergärten, Wäschereien, Kantinen, Bibliotheken. Die Wohnungen wurden möbliert und es gab Strom. Nur leider zogen hier, in die Häuser mit den Namen „Freier Bürger“ und „Roter Rhombus“ keine armen Menschen ein, wie von Solodownikow gewollt war, sondern Beamte.

Zu den altgläubigen Unternehmerfamilien gehörten auch die Rjabuschinskijs. Mit dem Ziel, das große Kapital in der Politik zu etablieren, arbeitete Pawel Rjabuschinski an der Wende zum 20. Jahrhundert für die Duma. Mit der Bankierstätigkeit der Gebrüder Rjabuschinskij ist das Haus am Birshewaja Ploschtschad 1verbunden. Im Jugendstil errichtet, wurde es 1908 von Franz Schechtel umgebaut. Hier befand sich auch das Kontor der Textilmanufakturen der Familie. Das Gebäude des heutigen Gorki-Museums, Malaja Nikitskaja 6/1, auch Dom Rjabuschinskogo genannt, wurde für Stepan Rjabuschinskij, der als einer der ersten alte russische Ikonen restaurierte,1900 bis 1902 nach einem Projekt von Schechtel im Jugendstil erbaut. Das Highlight ist wohl die große, wellenförmige Marmortreppe im Zentrum des Hauses.

Am Sophienufer 34 befindet sich ein großes Gebäude, das ehemalige Kokorjewskoje podworie. Der altgläubige Unternehmer Kokorjew, der erste russische Erdölkönig, baute gegenüber vom Kreml das damals größte Hotel in Moskau. Zum multifunktionalen Komplex, damals einzigartig in Russland, gehörten Geschäfte und Lagerhallen. Mit seinem Namen sind ebenfalls die Gründung einiger großer Banken und der Bau von Eisenbahnstrecken verbunden. Viele Künstler übernachteten im Hotel. Heute befindet sich hier die Wohnungsverwaltung des Verteidigungsministeriums. Kokorjew sammelte Gemälde und eröffnete in der Petrowerigskij Gasse eine private Galerie. Der Moskauer Öffentlichen Bibliothek schenkte er über 4000 Bände.

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