Skip to content

Kachelschmuck an Moskauer Bauwerken des 17. Jahrhunderts

20. Oktober 2013

Moskau besticht nicht nur durch seine Gebäude aus weißem Stein, seine goldenen Kuppeln, sondern ebenso durch Verzierungen mit Kacheln, eine Visitenkarte Moskaus des 17. Jahrhunderts.

Geschmückt wurden Kirchenbauten schon immer. Auch jetzt noch kann man die vormongolischen Kirchen in Wladimir und Susdal oder die Gewandniederlegungskirche im Kreml, das Refektorium im Spaso-Andronikow-Kloster bewundern, deren Wände von Steinschnitzereien, dem Vorläufer des Kacheldekors, bedeckt sind.

Kachelschmuck ist in Russland seit der Wende zum 16. Jahrhundert bekannt. Vor allem Kirchen und Häuser der Reichen wurden mit Kacheln verschönert. Sie setzten I-Tüpfelchen auf die Ausgestaltung der Fassaden.

Die Entstehung russischer Zentren der Kachelkunst sowie deren Herstellung im ausgehenden 16. Jahrhundert, als Moskau eine bedeutende Rolle in der Formierung der russischen Kunst spielte, spiegelte das System der Architektur, des Baus und damit verwandter Gewerke überhaupt wider. Alles war der Behörde für Steinarbeiten unterstellt. Durch diese Zentralisierung ging die Eigenständigkeit früherer Zentren wie Pskow verloren. Die Behörde reglementierte den Einsatz der besten Handwerker, die ihre eigenen Entwürfe mitbringen durften, für große Projekte, holte sie auf Befehl des Zaren aus ganz Russland zusammen, niemand konnte sich weigern. Das begünstigte den Austausch von Informationen. Neues nahmen sie nach Hause mit. Und dort, wo es schon Ziegelproduktion gab, entstanden im 17. Jahrhundert eigene Zentren der Kachelkunst, so beispielsweise in Jaroslawl, Smolensk, Wladimir, Susdal und einigen Klöstern wie in Murom. Sie verkauften und transportierten die Kacheln in weiter entfernt liegende Regionen.

Allerdings gab es bis zum 17. Jahrhundert keine Handwerker, die sich speziell mit der Herstellung dieser für die Dekoration bestimmten Kacheln beschäftigten, sondern das waren Töpfer, Steinmetzen, Ofensetzer, also alle die, die etwas mit dem Brennen von Ton oder Ziegeln zu tun hatten. Der Berufsstand war sehr geachtet, die Handwerker brauchten keine Steuern zu entrichten.

Die Kachel an sich ist eine aus Ton gebrannte Terrakottaplatte mit einem Rumpf zur Befestigung an der Wand. Die ersten Kacheln wurden aus der gleichen Masse wie die Ziegel gebrannt. Die Ausarbeitung des Bildes folgte der alten Technik der Gestaltung von Pfefferkuchen, zuerst ohne Glasur. Zu Beginn der 30er Jahre des 17. Jahrhunderts wurden die Kirchen, die vorwiegend im altrussischen Stil erbaut wurden, mit grünen glasierten Kacheln verziert. Später wurden die Kacheln mit einem Relief und farbiger Glasur versehen.

Patriarch Nikon lud auch weißrussische, polnische und litauische Handwerker ein. Im Kloster zu Waldai richtete er für sie eine Werkstatt ein. Sie wurde später in das Kloster von Nowojerusalem verlegt. Die Meister schufen innerhalb von acht Jahren fünf Ikonenwände aus Kacheln, Kachelportale, Friese. Nachdem Nikon in Ungnade gefallen war, berief der Zar die Handwerker, unter ihnen den berühmten weißrussischen Meister Stepan Polubes, nach Moskau in den Kreml. Andere fanden Arbeit in der Gontscharnaja Sloboda, der Moskauer Vorstadt, in der das Töpferhandwerk angesiedelt war. Die Gontscharnaja Sloboda war das bedeutendste Töpferzentrum in Moskau, jedoch nicht das einzige. Ofenbauer und Töpfer lebten unter anderem auch in den Vorstädten Kadaschowskaja, Meschtschanskaja, Chamowniki sowie im Donskoj Kloster.

Auch wenn Kacheln an Kirchengebäuden in Jaroslawl, Nishnij Nowgorod oder Solikamsk bis heute erhalten geblieben sind, befindet sich die größte und reichhaltigste Ansammlung in Moskau, wo sich diese wichtige mittelalterliche Tradition nur über drei Zarengenerationen hinwegsetzte. Die Kacheln weckten zwischen 1630 und 1650 ein gewisses Interesse, systematisch verwendet wurden sie ab den Siebziger Jahren. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts ließ die Verwendung schon wieder nach.

In Moskau kann man fast alle Stadien der Entwicklung verfolgen.

Die ältesten Kacheln sieht man an den Türmen der Basiliuskathedrale (16. Jahrhundert) auf dem Roten Platz, dicht gefolgt von den glänzenden Kacheln am Kegeldach der Maria-Schutz-und-Fürbitte-Kirche in Medwedkowo, ul. Sapowednaja 52, aus den zwanziger Jahren des 17. Jahrhunderts.

In den dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts wurden die ersten Gemächer aus Stein in der Zarenresidenz im Kreml errichtet. Dazu gehören die Hauskirchen im Terempalast, die von außen durch die elf kleinen, mit Kacheln verzierten Türmchen sichtbar sind.

Am Bersenjewskaja Ufer, in der Nähe der ehemaligen Fabrik Krasnyj Oktjabr, stehen die Gemächer des Awerkij Kirillow, ein seltenes Beispiel des privaten Wohnungsbaus Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts. Sie waren früher mit einem überdachten Gang mit der benachbarten Nikolauskirche (hier folgt man einigen altgläubigen Traditionen) verbunden. Beide Gebäude sind mit Kacheln, mitunter teuren kobaltblauen, verziert.

Ins Auge sticht in der ul. Bolschaja Poljanka 29 die Kirche des heiligen Gregorius, gebaut in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Auch hier hat sich der Meister Stepan Polubes verewigt. Ein Kachelfries mit dem berühmten Pfauenauge schmückt die Kirche. Eine Seltenheit – in dieser Kirche befindet sich auf der rechten Seite die Ikone des heiligen Varus, von denen es in Russland nur sehr wenige gibt.

In der Töpfervorstadt steht die kleine gemütliche Maria-Entschlafenen Kirche, ul. Gontscharnaja 29, gebaut Mitte des 17. Jahrhunderts. An der Gestaltung des Kacheldekors hatte wiederum Stepan Polubes beträchtlichen Anteil. An der Fassade der Kirche zieht sich ein großer Fries entlang. Die Besonderheit der Kirche ist die Ikone der dreihändigen Gottesmutter. Damit alle Gläubigen leichteren Zugang zur Ikone haben, wurde an der Außenwand der Kirche eine Kopie, verziert mit Kacheln, aufgehängt. Die Kirche war auch in der Sowjetzeit nicht geschlossen.

Das Highlight jedoch findet man in Krutitzkoje Podworje, heute ist das eine Filiale des Moskauer Patriarchats, die sich vor allem der Jugendarbeit widmet. An der Kreuzung von ul. Krutitzkaja und 1. Krutitzkij per. gelegen, stellt die Anlage mit der schönen Maria-Himmelfahrts-Kirche mit ihren schwarzen Kuppeln sowie dem Haupthaus, das mit Kacheln dekoriert ist, eine kleine Oase im Bezirk Taganka dar. Hier wurde an der Wende zum 17. Jahrhundert eine gesamte Fassade mit fast 2000 Kacheln von Stepan Polubes bedeckt.

Ein wenig abseits vom Stadtzentrum, in der Nähe der Vernissage in Ismajlowo, auf einer kleinen Insel steht die Maria-Schutz-und Fürbitte-Kirche, die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts für die Zarenfamilie errichtet wurde. Außen wurde sie von Polubes mit seinem Pfauenauge sowie anderen Kacheln mit Pflanzenelementen verziert. Im Brückenturm auf der Insel, Metro Partisanskaja, weiter mit dem Trolleybus 22 bis zur Haltestelle Glavnaja Alleja,  zeigt eine Ausstellung die Entwicklung des Moskauer Kacheldekors. Der Besucher kann hier eine der reichhaltigsten Sammlungen russischer Baukeramik besichtigen.

Mit den durch Peter I. veranlassten Stilentwicklungen verloren Kacheldekore ihren Reiz für Bauherren. Eine der letzten noch in der Zeit Peters I. gebaute Kirche hinter dem Theater an der Taganka trägt noch vereinzelt Kacheln. Der Architekt Osip Starez setzte sie trotz abschlägigen Bauherrenwunsches durch. Erst sehr viel später wurde die glasierte Kachel wiederentdeckt und feierte in Abramzewo ihre Renaissance.

Advertisements

From → Architektur

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: