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Ausflug in Richtung Murom

20. Oktober 2013

Murom klingt nach russischer Sage, nach Ilja Muromez. Der Legende nach soll der russische Recke in der Nähe von Murom geboren worden sein. Bis zu seinem 33. Lebensjahr saß er gelähmt zu Hause, ehe er von zwei Pilgern geheilt wurde und übernatürliche Kräfte bekam. Er begab sich dann zu Wladimir nach Kiew und kämpfte gegen die Tataren. Seine Heldentaten werden in zahlreichen Bylinen erzählt. Dorthin sollte uns ein Ausflug führen.

Auf dem Weg über die Jegorjewskoje Chaussee nach Jegorjewsk, unserer ersten Station, circa 80 km östlich von Moskau gelegen, schauten wir einige interessante Kirchen an. In Osetschenki steht eine Kirche mit großem Gewölbe innen. Sie wurde von Roman Klein, der auch das ZUM plante, gebaut.

In Retschizy, circa 40 km hinter Moskau, zieht eine riesige Kirche aus Ziegelstein den Blick auf sich. Sie erhebt sich im eklektischen Stil gleich neben der Straße. Während der Sowjetzeit war sie nicht geschlossen, so dass ihre tolle, aus Holz geschnitzte fünfreihige  Ikonenwand erhalten geblieben ist.

In Nowocharitonowo befindet sich eine Kirche der Altgläubigen im Jugendstil. Der Priester dort ist sehr auskunftsfreudig. Im vorigen Jahr hat er extra für uns gesungen. Dabei erfuhren wir, dass die Altgläubigen nicht nach Noten, sondern „Haken“ singen.

Gshel kennt man durch das weißblaue Porzellan. Hier steht eine Maria Entschlafens Kirche, deren Ikonenwand aus dem für Gshel traditionellen Porzellan hergestellt wurde.

Nach knapp 80 km erreicht man den Landstrich Guslizy, früher ein Gebiet, in dem viele Altgläubige lebten und aus dem mehrere später in Moskau bekannte Altgläubigen- und Unternehmerfamilien wie Morosow oder Soldatenko, hervorgingen. So manchem Orthodoxen waren die Altgläubigen ein Dorn im Auge. Deshalb wurde in Kurowskoje, nördlich von Jegorjewsk, ein großes russisch-orthodoxes Kloster errichtet, das es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Altgläubigen zur Orthodoxie zu bekehren. Die große Verklärungskirche hat einen auf die Wand aufgemalten Ikonostas.

Jegorjewsk selbst ist eine russische Kleinstadt mit rund 70 000 Einwohnern, die erstmals im 15. Jahrhundert erwähnt wurde. Sie war an den Handelsstraßen nach Kolomna und Kasimov gelegen und war für ihre Brotmärkte berühmt. Später entwickelte sich die Textilindustrie. Die erste Weberei wurde 1825 gebaut. Die Fabrikgebäude der Gebrüder Chljudov aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stehen noch. Der Uhrenturm wird im Volksmund Big Ben genannt. Andere Fabriken folgten, Ende des 19. Jahrhunderts wurde sogar eine Wasserleitung gebaut.

Jegorjewsk überraschte durch den einigermaßen gepflegten Anblick der historischen Hauptstraße, der ul. Sowjetskaja. Die Häuser, gebaut an der Wende zum 20. Jahrhundert, sind ganz gut erhalten. Ein Kloster und zwei große Kirchen dominieren das Stadtbild. Die Alexander Newskij Kirche wurde 1897 als Andenken an Zar Alexander II. errichtet. Anlässlich des Besuches des Patriarchen wurde sie im letzten Jahr komplett restauriert, ist voll ausgemalt und hat einen vergoldeten Ikonostas. In der Sowjetzeit war sie nur kurz geschlossen.

Im 19. Jahrhundert war Jegorjewsk ein Zentrum der Altgläubigen. Davon zeugt die Kirche des Heiligen Georg, eine der größten Kirchen der Altorthodoxen in Russland. Sie entstand aus einem Gebetshaus, das die Altgläubigen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ohne den Anschein einer Kirche zu erwecken, bauen durften. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnten Glockenturm und Kuppeln hinzugefügt werden. Einige alte Ikonen sind noch erhalten.

Jegorjewsk hat ein ungewöhnliches Lenindenkmal-auf dem Gelände einer Tankstelle fanden wir Lenin mit einem Matrosen und einem Soldaten.

Viele der Kirchen rings um Jegorjewsk haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Die Muttergottes-vom-Zeichen-Kirche in Aljoschino wurde ursprünglich in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts als russisch-orthodoxe geweiht. 1930 wurde sie geschlossen. Doch bereits 1947 wurden hier wieder Gottesdienste gefeiert, allerdings der altgläubigen Gemeinde, die die Kirche 1947 erhielt. Auf Bitten der Bevölkerung ging die Kirche 2008 wieder in den Besitz der russisch-orthodoxen Kirche über.

Die Holzkirche in Ryshewo, 1887 im russischen Stil gebaut, wurde auf der Polytechnischen Messe in Moskau ausgestellt. Später wurde sie verkauft und in Ljublino aufgestellt. 1923 wurde sie geschlossen. Nach Ryshewo gelangte sie Ende der zwanziger Jahre, nachdem die dortige Bevölkerung um eine neue Holzkirche, die alte war abgebrannt, ersucht hatte. Es fand sich ein reicher Sponsor, der die Kirche erwarb und nach Ryshewo transportieren ließ. Wir unterhielten uns ein wenig mit dem Priester Feofan, der dort seit 1998 wirkt. Er hat es geschafft, eine neue Kirche aus Holz zu bauen (für die Finanzierung solcher Projekte ist die Kirchengemeinde selbst zuständig, es werden zwar 21% der Einnahmen an das Patriarchat abgeführt, aber von dort kommt keine finanzielle Unterstützung). Dort steht nun die Einrichtung der alten Kirche inklusive Ikonenwand. Von der Decke hängen kleine Öllampen-jeder getaufte Säugling erhält sein persönliches Lämpchen, das Tag und Nacht brennt. Diese Besonderheit nennt Feofan seine Rosinen. Der Priester hat in mühevoller Arbeit auf dem Friedhof Namen und Gräber zugeordnet, alles in Ordnung gebracht und versucht nun, auch seine Mitmenschen zur Ordnung, zumindest auf dem Kirchengelände, zu erziehen. Nun steht das nächste Projekt an-die Restaurierung der alten Holzkirche.

In der Dreifaltigkeitskirche in Schuwoje, einer blauangestrichenen Holzkirche der Altgläubigengemeinde von 1915, fand gerade eine Trauerfeier statt. Auch im Nachbardorf, in Ustjanowo steht eine Altgläubigenkirche, die restauriert wird. Sie wurde 1914 im neorussischen Stil erbaut.

Vorbei an unendlich vielen Holzhäusern, kleinen Dörfern mit kleinen Lebensmittelläden, nassen Wäldern mit vielen Birken, auf holprigen Straßen führte uns der Weg weiter nach Tuma. Die große Steinkirche dort stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ihre Besonderheit-sie hat einen Ikonostas aus Marmor und wurde vor circa 100 Jahren innen vollständig ausgemalt.

Gus Shelesnyj beeindruckt schon von der Hauptstraße aus. Die wohl größte Dorfkirche und eine der höchsten in Russland überhaupt steht hier. Sie fasst circa 1200 Menschen. Gebaut wurde sie Mitte des 19. Jahrhunderts wahrscheinlich vom dort ansässigen Besitzer eines Eisenwerkes. Klassizistische, gotische und barocke Elemente vermischen sich und verleihen der Kirche einen ganz besonderen Reiz. Sie bildet einen bemerkenswerten Kontrast zu den kleinen Holzhäusern der Dorfbewohner.

In der Nähe von Kasimov, in Dankowo gibt es eine guterhaltene Christi-Geburts-Kirche von 1782 aus Holz. In Syntul, einem Ort mit knapp 2000 Einwohnern, befindet sich gleich zwei alte Holzkirchen nebeneinander. Die Maria-Schutz-und-Fürbitte-Kirche aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hat einem ungewöhnlich rötlichen Ikonostas. Eine Brücke führt zur 100 Jahre jüngeren Winterkirche, die keinen Glockenturm hat.

In Kasimov, einer Stadt, die fast so alt ist wie Moskau, leben historisch bedingt Russen und Tataren. Einige islamische Denkmäler, Moscheen, zwei Mausoleen überdauerten die Zeit. Kasimov liegt an der Oka, auf einigen Hügeln, eigentlich sehr schön. Doch wird der Fluss nicht genutzt, die Uferzone ist zugemüllt. Wir konnten beobachten, wie einem kleinen Jungen beigebracht wurde, eine Flasche die Uferböschung hinunter zu werfen. Jeder Graben, und davon gibt es viel in Kasimov, wird als Müllabladeplatz genutzt. Selbst vor der Kirche … Das ehemalige Zentrum der Stadt ist als solches nicht mehr zu erkennen. Zwar stehen noch die Kirchen, auch die Handelsreihen von 1816 gibt es noch, allerdings in einem beklagenswerten Zustand. Viele Gebäude warten auf eine Sanierung.

In Murom wollten wir die Osternacht verbringen. Im Verklärungskloster entdeckten wir ein Hotel für Pilger, dort wurden auch wir freundlich aufgenommen. Die Klöster sind einigermaßen gepflegt, doch das Umfeld ist heruntergekommen. Immerhin wird ein kleines Stück der Oka ins städtische Leben einbezogen. Zwei Brücken dominieren den Ausblick auf den Fluss, eine Eisenbahnbrücke, über die die Züge sehr laut fahren, und eine Brücke für den Autoverkehr.

Gegen 23.30 Uhr brachen wir auf, um an der Prozession um die Kirche teilzunehmen. Viele Menschen mit Kerzen hatten sich schon versammelt. Es regnete stark und gewitterte. Nach dem Umzug lauschten wir noch eine Weile dem Ostergottesdienst. Das war schon ein Erlebnis. Frühstück gab es in der Kantine eines anderen Klosters.

Unterwegs nach Wladimir stießen wir bei Sudogda auf die Überreste eines Schlosses im mittelalterlichen Stil, das ein russischer Graf für sich bauen ließ.  Leider ist auch der Park darum herum sehr verwahrlost. Kurz vor Sudogda kann man ein Naturschauspiel beobachten. Dort befindet sich neben einem großen Parkplatz eine Fontäne, hier wird das Wasser aus der Erde herausgedrückt.

In Wladimir begeistern uns immer wieder die Kirchen aus vormongolischer Zeit. Zu unserer Lieblingskirche am Nerl gelangten wir leider nicht, dort war der Fluss über die Ufer getreten und der Weg war überschwemmt. Aber wir warfen einen Blick auf die Kirche des Heiligen Dmitrij und die Maria-Entschlafens-Kathedrale.

Auf dem Weg nach Hause machten wir kurz nach Wladimir einen Abstecher zu einem Frauenkloster in Wolosowo. Danach schauten wir etwas anderes an als Kirchen und Klöster, eine Stofffabrik von vor mehr als 100 Jahren, in der auch heute noch produziert wird (sah nicht wirklich so aus). An der Fabrikmauer entdeckten wir sowjetische Überreste, Hammer und Sichel. Der Komplex von Mietskasernen gegenüber wurde damals für die Arbeiter gebaut und wird auch heute noch zu Wohnzwecken genutzt.

In Petuschki besichtigten wir einen Wasserturm des berühmten Ingenieurs Schuchow, dessen Hängedächer, Bogenkonstruktionen, Seilnetze, Gitterschalen und Gittertürme in Form von Hyperboloiden in die Geschichte eingingen.

In einem kleinen Ort in der Nähe von Petuschki besuchten wir eine richtige Farm. Die wird allerdings nicht von einem Russen, sondern von einem Engländer (der jetzt russischer Staatsbürger ist) geführt. Obwohl montags geschlossen ist, wurden wir freundlich empfangen. Wir konnten Fleisch kaufen (abgehangenes, was es in Russland nicht wirklich gibt). Die Lammkoteletts haben wir schon gegrillt, das Fleisch war 1A-Qualität. In der Käserei wurden wir zum Tee eingeladen und durften Käse, Frischkäse und Jogurt probieren. Ein Manager kümmerte sich um uns und beantwortete geduldig unsere Fragen. Man kann dorthin auch zur Exkursion fahren, ein Seminar zur Käseherstellung oder Steakzubereitung besuchen, reiten, Quad fahren usw. Sechs solche Farmen gibt es in ganz Russland.

Hinter Pokrov bogen wir nach rechts ab und besichtigten ein Kloster, das sehr idyllisch auf einer Insel liegt.

Zum Abschluss hatten wir in Bolschie Dwory noch ein Highlight – in diesem unscheinbaren Haus verbirgt sich eine Kirche der Altgläubigen. Man betritt das Haus und steht in einem riesigen Kirchenraum aus Holz, auch die Ikonenwand ist ganz aus Holz gefertigt, mit zahlreichen sehr alten Ikonen. Es lief gerade ein Gottesdienst. Vater Dimitrij unterbrach extra seinen Gesang, um kurz mit uns zu schwatzen.

Wahrscheinlich muss man nicht extra zu einem dieser Orte fahren, um nur diesen anzugucken, aber die Menge an sehenswerten Kirchen und Gebäuden, die vielen sowjetischen Relikte, die uns an unser Leben hier zu sowjetischen Zeiten erinnerten, wie diese Schwäne aus Autoreifen, dazu die vielen kleinen Erlebnisse rechtfertigen diese Tour auf alle Fälle.

From → Umgebung Moskaus

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